Versetzte Kettfäden – transposed warps – urdimbres transpuestas

Kettfäden beim Weben versetzen, welcher Weber denkt da nicht sofort an Dreherbindungen (1) ? Die gibt es im vorspanischen Südamerika auch, aber hier soll eine andere Art der Musterbildung mit Versatz von Kettfäden beschrieben werden. 

Archäologische Funde sind rar, die Technik wurde in einem begrenzten Gebiet im Süden Perus, dem Norden von Chile und Argentinien sowie im südwestlichen Hochland von Bolivien angewendet (3). In der heutigen Zeit wird diese Mustertechnik kaum noch ausgeübt, in Chile bemüht man sich gerade, sie wiederzubeleben. Dazu wurde auf Instagram von Marión Lira (@liratextil.cl ; liratextil.com) ein Kurs angekündigt, an dem ich gerne teilgenommen hätte, wäre das nicht wegen der Zeitverschiebung nachts um zwei gewesen. Neugierig war ich aber, es gab ein Bild von einem Band und ich wußte von der Bandwebtechnik mit gekreuzten Kettfäden, wie man dort einen Farbwechsel durch Versatz von Kettfäden macht. Einige schlaflose Nächte und ein paar Stunden probieren später hatte ich es heraus, wie das Band auf dem Bild zu weben geht. 


Für das Band werden – jeweils in Runden – vier helle und vier dunkle Fadenpaare auf Kreuzstäben eingezogen. Ob man das auf einem Bandwebstuhl macht oder als backstrap-Anordnung, ist egal, die Kreuzstäbe bleiben aber zur Orientierung beim Weben dauerhaft in der Kette. Litzen zur Fachbildung braucht man bei den wenigen Fäden keine, sie erschweren nur die Übersicht, im Bild unten hatte ich sie versuchsweise drangemacht. 


An den Kreuzstäben zeigt Fach 1 zum Weber hin, Fach 2 liegt hinter den Kreuzstäben. 

Um das Band zu beginnen, webt man erstmal einige Schüsse Leinenbindung, Fach 2 wird dazu mit der Hand aufgenommen. Man beendet die Leinenbindung mit Fach 1, Reihe 1. Nun geht das Muster los.

Reihe 1 – Fach 1

Reihe 2 – Kettfäden versetzen, die weißen Fäden liegen oben, die roten gehen in der Mitte durch

Reihenfolge nach Versatz: 2 ws, 2 rt, 4 ws, 4 rt, 4 ws, 2 rt, 2 ws

nach oben genommen werden die Fäden für Fach 2, versetzt werden aber die ganzen Kettfadenpaare! damit das Muster auch auf der Unterseite erscheint

je 2 Paare weiße Fäden bilden den Rand, diese werden nicht versetzt

Reihe 3 – Fach 1

Reihe 4 – Fach 2

Beginnen wieder bei Reihe 1


Hier ein Bild mit dem Blick in das geöffnete Fach und mit Lage und Richtung der zu versetzenden Fäden:


Der Fadenlauf für einen Mustersatz sieht so aus:

Am Anfang ist es schwierig, bei Reihe 2 die ganzen Fäden auf der Hand in der richtigen Reihenfolge zu halten und bei den versetzten Fadenpaaren den richtigen aus Fach 2 zu erkennen. Hier hilft es, wenn man sich am Schußfaden an der Weblinie statt an den Kreuzstäben orientiert, dort ist leichter zu sehen, welcher Faden des Paares zu Fach 1 oder Fach 2 gehört. 

Wenn man so gar nicht klarkommt, kann man die Fäden auf einem Rahmen befestigen und beginnt das Weben an der Seite des Bandes mit den Knoten. Hier braucht man auch kein Fadenkreuz, sondern ordnet die Schlaufen der Kettfadenpaare auf dem oberen Kettbaum in der richtigen Reihenfolge an und versetzt diese, wie das Muster es erfordert. 


Manche Sachen, wie dieses Band hier, kann man nur auf einem Rahmen ohne Fadenkreuz weben, da die Diagonalen in eine Richtung laufen und das Fadenkreuz immer mehr verdrehen würden. 

Die folgenden Bilder zeigen was passiert, wenn man dieses Muster versucht mit Kreuzstäben zu weben:

Auf dem Rahmen versetzt man für das Muster die Kettfadenschlaufen am oberen Kettbaum und nimmt das Fach 2 dort von unten auf:


Als ich mit den ersten Bändern fertig war, gefiel mir die Technik mit dem Kettfadenversatz und ich fing an, nach mehr davon zu suchen. Im Buch über die Webtechniken der Anden (2) sind dazu zahlreiche Abbildungen von gewebten Beispielen und archäologischen Funden. Im Buch von Ann P. Rowe (4) ist der Fadenlauf für das oben gezeigte blau-weiße Band abgebildet, was mir sehr beim Verständnis der südamerikanischen Variante des Kettfadenversatzes geholfen hat. Also ging es los mit einem Ausschnitt aus einem Inka-Textil (Textile Museum TM 1961.30.210) , bei dem ein Bereich, der eigentlich für Komplementärmuster gedacht ist, versetzt und wieder zusammengeführt wird. 

Das kann man mit Kreuzstäben in der Kette gut machen, weil der Versatz duch die Struktur des Musters – auf-und zugehende Diagonalen in einem Rhombus – nach einigen Reihen rückgängig gemacht wird. In (3) ist eine interessante Interpretation dazu, dieses Muster soll Bezüge zur Wari-Tiwanaku-Zeit haben und möglicherweise das von einer wichtigen Gottheit getragene Schlangenattribut symbolisieren. Ein paar Schlangenmuster habe ich als Komplementärgewebe zwischen die Bereiche mit den versetzten Kettfäden gewebt.

Doch halt, Schlangen sollen das sein? Nach (5) heißt dieses Muster „kuti“ und soll die Kartoffelhacke darstellen. Daran habe ich große Zweifel und zwar aus folgendem Grund: Ende des 18. Jahrhunderts, in den 1780er Jahren, wurden nach Aufständen der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren in dem von den Spaniern besetzten Vizekönigreich Peru indigene Kleidung und nichtchristliche Symbolik verboten. Ganz hat man das nicht durchsetzen können, in ländlichen Gebieten behielten die Frauen z.B. ihr Tragetuch bei und webten dort überlieferte Muster hinein. Ich denke, es kam zu einer Art codierten Sprache, bei der man den Vertretern der Kolonialherren erzählte, daß das Muster mit der zweiköpfigen Schlange ein landwirtschaftliches Gerät darstellt. Vielleicht ist es auch ein Wortspiel mit dem Quechua-Wort „kutiy“, das bedeutet Rückkehr oder Wiederkehr. Der alten Götter möglicherweise oder ist die Schlange die Wiederkehr von irgendetwas? Das ist aber lediglich meine persönliche Meinung zu dieser Sache. Es wäre sicher ein interessantes Forschungsgebiet, ob die heutigen Weberinnen in Peru die wirkliche Bedeutung dieser Motive tatsächlich nicht mehr kennen oder ob sie Menschen außerhalb ihres kulturellen Umfeldes, auch Forschern, durch ihre schlechten Erfahrungen mit Rassismus und kultureller Unterdrückung in dieser Richtung einen Bären aufbinden. 

In den Artikeln zu versetzten Kettfäden in (2) und (3) ist ein wirklich schönes Band aus der Zeit des Mittleren Horizonts (ca. 400 bis 1000 n. Chr.) abgebildet, das in Bolivien in einer Höhle bei Mojocoya gefunden wurde und als Henkel einer Tasche gedient haben mag. Mich erinnerte das Motiv irgendwie an die „Fajas de Sara“ aus Peru, die aber in einer ganz anderen Technik gewebt werden. Und wirklich, in (3) wird dieses Muster mit Bezug auf Aussagen zeitgenössischer Weberinnen aus Bolivien so interpretiert, daß es etwas mit Aussaat und Saatgut zu tun hat, ähnlich wie die fajas de sara. Vielleicht ist das das größte Rätsel von Bruder Murúa, wie diese beiden Sachen zusammengehören. 

Band aus Mojocoya, Bild abfotografiert aus (2)


Das schöne vielfarbige Muster weckte meinen kleinen inneren Bluthund – werde ich einen Webbrief nur aus der Abbildung in (2) machen können und dieses Muster weben? Es war nicht einfach und hat einige Stunden gedauert, bis ich eine Darstellungsart gefunden hatte, nach der man das weben kann. Eine Reihe im Webbrief entspricht zwei gewebten Reihen auf dem Band, die Rückreihe muß nicht eingelesen werden, da hier nur der Schußfaden in das Fach von den Kreuzstäben oder beim Weben auf einem Rahmen in das Fach am oberen Kettbaum eingelegt wird. 

Der Webbrief zeigt lediglich die Lage der Kettfadenpaare in jeder Musterreihe, aber nicht, welches Fadenpaar man versetzen muß und ob das im Fach oder auf dem Gewebe geschieht. Ein Foto von einem fertigen Gewebe oder noch besser, ein Beispielstück, sollte man zum Weben mit dabei haben. Dazu möchte ich noch einmal auf das Bild oben mit dem Blick ins geöffnete Fach verweisen, bei dem gezeigt wird, wie die Fadenpaare zu versetzen sind, wenn sie unsichtbar im Fach oder sichtbar auf der Oberseite des Gewebes verlaufen sollen. 

Beim Versatz der Kettfäden in einem solchen komplexen Muster versucht man immer, den kürzesten Weg für das zu versetzende Fadenpaar zu wählen und beachtet auch, welche Linienführung auf der Oberfläche stattfindet. In diesem Beispiel hier sind es die hellen und dunklen Zickzacklinien, die nicht von Einzelfäden auf der Oberfläche gekreuzt und unterbrochen werden. Fadenversätze, die diese Hauptlinien kreuzen, verlaufen immer unsichtbar im Fach. 

Da das Ganze am Anfang kompliziert aussah, habe ich die Kette auf einen Rahmen aufgezogen, wo ich nichts auf der Hand halten mußte, sondern nur die Kettfadenschlaufen auf dem oberen Kettbaum umsortiern muß. Mit dem Rahmen ist das sehr einfach, vor allem,  wenn Fäden im Fach verlaufen sollen. Nach dem Umsortieren habe ich von der  Kette die Fäden aus Fach 2 von Hand aufgenommen, die ja nun in der richtigen Reihenfolge liegen. In dieses Musterfach wird der Schußfaden eingelegt, danach das Fach 1 vom Kettbaum aufgenommen, angeschlagen und wieder der Schußfaden eingelegt. Der Ablauf des Webens auf dem Rahmen ist folgender:

– Kette auf dem oberen Kettbaum gemäß der Reihe im Webbrief sortieren

– Fach 2 von diesem Kettverlauf aufnehmen – geht am besten direkt unterhalb des Kettbaumes

– aufgenommenes Fach zur Weblinie ziehen und anschlagen, Schußfaden einlegen

– Fach 1 am Kettbaum aufnehmen und zur Weblinie ziehen, anschlagen, Schußfaden einlegen

– mit der nächsten Reihe sortieren beginnen usw.


Das Probestück war fertig, das Muster sah so aus wie auf der Abbildung im Buch, aber eins mußte ich noch ausprobieren: wenn das bei Ausgrabungen gefundene Band wirklich der Henkel einer Tasche war, muß es länger gewesen sein, als es sich auf einem Rahmen noch gut weben läßt. Die Taschen jener Zeit waren zum Umhängen gedacht, da braucht man mindestens ein Band von 1,5 m Länge, auch wenn die Menschen damals kleiner waren als heute. Bei einer Kette von 1,7 m Anfangslänge artet das in Sport aus, wenn man bei einem so großen Rahmen anfänglich  für jede Reihe aufstehen und weit hochlangen muß. Durch die vorigen Experimente hatte ich gelernt, daß sich bei Zickzacklinien das entstehende Fadenchaos an den Kreuzstäben auch wieder auflöst, zudem ist das Muster modular aufgebaut, so daß man immer nur die Fäden eines Musterstreifens beim Versetzen auf der Hand halten muß. Also eine Kette mit zwei gegenläufigen Zickzacklinien eingezogen und die Sache ausprobiert. Am Anfang war das ein ganz schöner Kampf mit den Fäden, unterhalb der  Kreuzstäbe wurde das Durcheinander immer größer und die Übersicht ging verloren. Nach einer Pause und Nachdenken hatte ich dann heraus, wie es geht: man muß sich direkt an der Weblinie orientieren, dort die Fadenpaare versetzen und das Fach 2 aufnehmen. Fehler passieren hier öfter, als wenn man mit Rahmen webt, aber aus diesen lernt man auch, worauf man achten muß und wie man die Fäden richtig hält. Trotz des entstehenden Durcheinanders an den Kreuzstäben kann man das dort durch den Einzug festgelegte Fach 1 als Rückreihe verwenden, da für das Muster die ganzen Fadenpaare versetzt werden und dabei keine Verdrehungen von Fach 1 und 2 untereinander entstehen. Dafür muß man manchmal die Kreuzstäbe etwas von sich weg schieben, um das Fach aufnehmen zu können. Bis jetzt habe ich mit versetzten Kettfäden nur mit glattem und relativ starken Baumwollgarn gewebt, bei dem die Fäden nicht aneinander hängen bleiben. Daß die Weberinnen in alter Zeit dieses mit dünnen Wollfäden konnten, davor habe ich großen Respekt. 


Das Weben auf dem Rahmen ging für ein breites Band mit Muster besser als wenn man die versetzten Fäden auf der Hand halten muß und so kam mir der Gedanke, das mit einem größeren Flechtmuster zu wiederholen. Hier zeigte sich, daß sich die versetzten Kettfäden beim Weben mehr verkürzen, als die Randfäden, die an ihrer Position bleiben. 


Die Randfäden wurden deshalb mit zwei Stäbchen nachgespannt. Das Flechtmuster habe ich so weit gewebt, wie es auf dem Rahmen ging und das Band danach auf dem backstrap-loom mit vier festen Seiten fertiggestellt. Mit dem starken Baumwollgarn ging das recht schnell und die etwas weniger gespannten Randfäden ließen sich in den Endschlaufen verstecken. 


Der Musterentwurf für diese Technik ist nicht ganz ohne, da man ständig alle vorhanden Fäden in einer Musterreihe verwenden muß und durch die paarige Anordnung der Fäden die Rückseite gleich ist. Man kann also nicht mal eine Farbe auf der Rückseite verschwinden lassen. Gut sieht man das an den kleinen Spitzen im Band aus Mojocoya, die das eigentlich regelmäßige Rhombenmuster unterbrechen. Die Rhomben haben nicht überall die selbe Breite und man mußte die überzähligen Fäden irgendwo unterbringen. Ich denke aber, daß das bei diesem Muster möglicherweise so gewollt ist, vor allem dann, wenn das Muster in seiner Bedeutung wirklich etwas mit den Sara-Mustern aus San Ignacio de Loyola in Peru gemeinsam hat. 

Für Neugierige sind hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:

(1) Annemarie Seiler-Baldinger: Systematik der Textilen Techniken, Baseler Beiträge zur Ethnologie, Basel 1991; S. 108-110

(2) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving; Thames and Hudson, London 2015; S. 155 – 165

(3) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: Lazos Forestales: Técnicas y diseños de los tirantes de bolsas personales de Mojocoya; Universidad Mayor de San Simón Cochabamba, Arqueoantropológicas Año 3, 2013; S. 59-92

(4) Ann Pollard Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes, The Textile Museum Washington D.C., 1977; S. 104-105

(5) Nilda Callañaupa Alvarez: Textile Tradition of Chinchero: A living Heritage, Centro de Textiles Tradicionales del Cusco 2012; S. 105

(6) Penelope Dransart: A highland textile tradition from the far south of Peru during the period of Inka domination, in: PreColumbian Textile Conference VIII / Jornadas de Textiles PreColombinos VIII, 2020

Tiklla – Gewebe mit unterbrochenen Kettfäden

Partialkettengewebe – was für ein sperriges Wort -, so heißt Tiklla auf Deutsch. Auf Quechua ist es die Bezeichnung für eine spezielle Gewebeart, die an der vorspanischen südamerikanischen Pazifikküste und/oder im Andenraum erfunden wurde und weltweit einzigartig ist. Im Gegensatz zu in Europa und Asien gebräuchlichen Webarten gehen die Kettfäden hier nicht durch das ganze Webstück, sie sind mindestens an einer Stelle in der Horizontalen unterbrochen und wechseln die Farbe. Auf unseren heute benutzten Webrahmen und Webstühlen ist das bis auf wenige Ausnahmen kaum machbar, auf den in den Anden verwendeten einfachen Webgeräten aber schon.

kleines Tuch mit vier Farbflächen

Archäologische Funde aus Peru und Kolumbien belegen, daß es diese Gewebe seit ca. 300 n. Chr. gibt. Sie wurden oft aus Baumwolle gefertigt, zur Inka-Zeit auch aus Wolle von Alpaka und Vicuña. Ein Vorteil dieser Webart war, daß die Bewohner der heißen Küstenregionen am Pazifik dünne und flexible, leinenbindige Gewebe mit klar abgegrenzten Farbflächen herstellen konnten. Mit einem Schußrips hätte man zwar auch Farbflächen weben können, diese Gewebe werden aber viel dicker und steifer. Manche Gewebe aus vorspanischer Zeit sind mit einem kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand entstanden, sie sind z.T. so kompliziert, daß sie nur mit der Nadel auf einem Fadengerüst gewebt wurden, wobei der Schußfaden zur Kette werden konnte und umgekehrt. Die Techniken mit Fadengerüst werden heute nicht mehr angewendet, der Name „Scaffold weave“ für Tiklla in englischsprachigen Publikationen beinhaltet aber noch das dafür notwendige „Gerüst“ .

Tunika aus der Siguas/Nazca-Kultur

Die Technik der unterbrochenen Kettfäden wurde bis in die Inka-Zeit hinein angewendet, das Aussehen dort aber auch häufig durch Bildwirkerei imitiert. Die Inka-Weber hatten gelernt, sehr feinfädige Textilien mit bis zu 100 Schußfäden pro cm (!) in Gobelintechnik herzustellen.

Inka-Tunika mit unterbrochenen Kettfäden im schwarz-weißen Abschnitt und Mustern in Bildwirkerei darüber

Tiklla war im letzten Jahrhundert in Peru kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Nur in abgelegenen, noch sehr traditionell lebenden Gemeinschaften wie bei den Bewohnern von Q’ero in den Hochanden und im bekannten Weberort Pitumarca hatte sich diese Technik erhalten.

John Cohen, ein US-amerikanischer Fotograf, Filmemacher und Musiker hat 1977 die Herstellung einer Kette für ein Tiklla-Tuch in der Gemeinde Q’ero fotografisch dokumentiert. Ein Teil seines Buches „Past. Present. Peru.“ ist der traditionellen Weberei im Peru Mitte des 20. Jahrhunderts gewidmet und enthält großartige Fotos und auf beiliegender DVD auch Videoaufnahmen über das Weben mit einfachsten Mitteln.

Die Weber aus Pitumarca haben Tiklla mit ihren Mantas zur Perfektion gebracht. Es werden nicht nur verschiedene Farbflächen in der unterbrochenen Kette gewebt, sondern es werden auch die Musterbereiche unterbrochen und farblich abgeändert.

Manta aus Pitumarca in Tiklla-Technik mit Musterbereichen; Kette im Foto horizontal

Zum Verkauf an Touristen werden Tiklla-Gewebe mit Chakana-Design hergestellt, die oft in US-amerikanischen Schamanen-Shops landen. Naja, wenn es dem Erhalt des Handwerks hilft…

neuzeitliches Tuch mit Chakana-Design, 7 Trenn- und Litzenstäbe waren dafür nötig

Die indigenen Bewohner Perus benutzen quadratische Tücher in Tiklla-Technik mit vier Farbflächen in Ritualen zu Ehren der Pachamama, der Apus und anderer göttlicher Wesen. Daran sollte man mit Respekt denken, wenn man so etwas in der Hand hat oder sich selber am Weben eines solchen Tuches versucht.

Traditionelle Tiklla-Gewebe haben vier feste Seiten, man braucht also Geduld. Die Kette wird mit Fadenkreuz (also in 8-Form) entweder auf einem an sechs Pflöcken am Boden befestigten Horizontalwebgrät geschärt oder auf einem speziell dafür angefertigten Gestell.

Die folgenden Bilder zeigen die einzelnen Schritte der Herstellung einer Kette für ein vierfarbiges kleines Tuch von 50 cm Länge und 40 cm Breite.

In Peru sind beim Schären einer Kette zwei oder drei Frauen beteiligt, das geht wesentlich einfacher und schneller, als wenn man sich alleine mit Klammern als dritte Hand behelfen muß.

Bei dem Tuch oben wurden die Kettfäden nicht so dicht gesetzt, daß sie den Schußfaden völlig verdecken. Die Schußfäden gehen daher jeweils nur bis zur Mitte des Webstücks, sind dort an ihrem Umkehrpunkt ineinander verhängt und haben die gleiche Farbe wie die Kettfäden.

Bei einer Unterbrechung des Kettfadenverlaufs braucht man für die Fachbildung auf jedem Kettfadenabschnitt einen Litzenstab und eine Fachrolle, man muß also mindestens zwei Litzenstäbe einziehen.

Angewebt mit je einem Litzenstab pro Feld, der Trennstab kann herausgezogen werden

Hat man die Kette an den Stäben des Gurtwebgeräts befestigt und die Litzen angebracht, webt man zunächst von jedem Stab aus ein Stück an. Der Stab, der die Unterbrechung der Kette und die Trennschnur hält, bleibt erst einmal in der Kette. Man kann ihn direkt nach dem Anweben entfernen oder auch erst die Hälfte des Kettabschnitts weben und ihn dann herausziehen. Die Schnur bleibt dabei natürlich drin! Bei Baumwolle ist es besser, den Stab gleich nach dem Anweben herauszunehmen, um horizontale Rippen im Gewebe durch das Gleiten der Kettfäden um den glatten Trennstab zu vermeiden. Ist der Trennstab herausgenommen, webt man von der Mitte, also von der Schnur aus, nach beiden Seiten an. Die auf der Schnur liegenden äußeren Kettfadenschlaufen haben die Tendenz, nach außen wegzurutschen, also die Schnur lang genug machen. Die Schnurenden werden im ersten Fach beim Anweben auf der Schnur mit eingelegt und sichen so die außenliegenden Schlaufen der Kettfäden.

Ein Muster, das in der Mitte des Tuches gut zu sehen sein soll, beginnt man direkt an der Schnur. Die Enden an den Kettbäumen werden nur 1 cm angewebt, um die richtige Breite des Gewebes einzustellen. Eventuell verwendet man einen Schußfaden, den man später wieder leicht entfernen kann. Danach wird das Gewebe gedreht und man webt von der Schnur aus nach den Enden zu. Beim Original des Tuchs im folgenden Beispiel waren die Altvorderen clever: statt von der Mitte bis ganz zum Ende am Kettbaum zu weben, haben sie das Ende mit einem Band in Zwirnbindung versehen. Das läßt sich auf dem letzten Zentimeter besser anbringen, als wenn man bei einer Fadenstärke von ca. Nm10 und reichlich 1000 Fäden auf 40 cm Breite mit der Nadel weben muß.

Tuch, ca 40 x 40 cm, Fundort Arica, Chile; ausgestellt im Museo Chileno de Arte Precolombino

Dieses kleine Tuch hat mir so gefallen, daß ich versuchen möchte, es nachzuweben. Die Muster konnte ich trotz der unscharfen Fotos aus dem Internet einigermaßen rekonstruieren.

Musterprobe

Ein brauchbares Wollgarn in den entsprechenden Farben zu finden war schwierig. Kein dünnes Wollgarn, was hier in Deutschland erhältlich ist, erfüllt die Anforderungen für das Weben mit den hohen Fadendichten eines Kettripses. Es lief wieder auf Nachzwirnen heraus, das Garn ist Kammgarn 20/2 von Garnhuset i Kinna aus Schweden, hier erhältlich bei Swedenform. Zum Glück braucht man nicht viel Garn für so ein Tuch, so daß das Nachzwirnen schnell erledigt war.

beim Schären der Kette zum Nachweben des oben abgebildeten Tuchs
fertige Kette für das gemusterte Tuch
Tuch von der Mitte aus angewebt

Da das hier verwendete dünne Wollgarn für mich neu war, habe ich zunächst einige Proben gewebt, um zu sehen, ob dieses Garn das Weben mit hoher Fadendichte aushält.

Bei der Probe im linken Bild wird der Schußfaden noch gut abgedeckt, das Garn löst sich aber während des Webens zusehends auf. Verringert man die Fadendichte so wie im mittleren Bild, widersteht das Garn länger den Belastungen, der Schußfaden macht sich aber im Musterbereich unangenehm bemerkbar. Das Garn für die Probe im rechten Bild habe ich auf dem Spinnrad moderat nachgezwirnt, es ist noch weit entfernt von den drahtartigen Fäden, die die Andenweberinnen benutzen. Das hat am besten funktioniert, die Fäden haben bis zum Schluß gehalten, es gab keinen Abrieb in den Litzen und die Fächer ließen sich für einen Kettrips aus Wolle ordentlich öffnen. Dieses Garn und Fadendichte habe ich dann für das Tiklla-Tuch verwendet.

Zum Weberforum am 11. Juni 2023 in Oederan möchte ich in einem Workshop für an dieser Technik interessierte Weberinnen und Weber näher erläutern, wie man Tiklla webt. Gezeigt werden das Prinzip des Schären der Kette auf einem Gestell, die Herstellung einer Tiklla-Kette für einen Salusso-Webrahmen („Kleiner Italiener“) und das Entfernen des Trennstabes und Anweben auf der Schnur bei einer bereits angefangenen gemusterten Kette auf dem Gurtwebgerät. Ich würde mich freuen, wenn bei diesem Workshop eine fruchtbare Diskussion entsteht, wie man diese außergewöhnliche Technik auch auf den hier gebräuchlichen Webgeräten anwenden kann.

Gerollte Kanten direkt anweben

In einer Veröffentlichung (1) über Textilfunde aus der Nordischen Eisenzeit in Dänemark habe ich die Beschreibung eines Kleides gefunden, das in seiner Machart einem Aksu aus Südamerika ähnelt. Es handelt sich um ein Schlauchkleid (wie ein griechischer Peplos, nur ohne Überschlag oben), welches an den Schultern durch Nadeln oder kleine Nähte zusammengehalten und mit einem Gürtel getragen wird.

Replik des Kleides von Hammerum, Dänemark
Aymara-Weberin mit Aksu; Isluga, Chile; Foto: P. Dransart

Das Kleid aus Dänemark hat angenähte Abschlüsse aus gewebten Bändern, deren blaue Kante auf einer Seite eingerollt ist. Das hat nicht nur eine zierende Funktion sondern sorgt auch dafür, daß sich beanspruchte Bereiche des Gewebes nicht so schnell auflösen, z.B. am Saum oder an den Ärmelenden.

Kettripsband aus Hammerum mit 20 Fäden

Neben diesem Band mit eingerollter Kante hat man aus der Nordischen Eisenzeit auch Reste von größeren Textilien mit schlauchförmiger Kante gefunden. Das hat bei den damals verbreiteten Köpergeweben den Vorteil, daß die sonst etwas „flattrige“ Kante stabilisiert und gefestigt wird. Heute webt man bei Köpern auf dem Trittwebstuhl oft eine ebene Kante in Leinenbindung, braucht dazu aber mindestens 4 Schäfte. Diese Methode war in Skandinavien schon in der vorrömischen Eisenzeit bekannt, das läßt sich auch auf einem der damals verwendeten Gewichts- oder Rundwebstühle machen. Es gibt in Dänemark einen Fund eines Schals (Huldremose), bei dem die leinenbindige Kante an einem Köpergewebe dazu noch gerollt wurde (2).

Die einfarbigen Kanten eines Bandes beim Weben einzurollen ist nicht schwierig. In dem Bereich, der schlauchförmig werden soll, muß der Schußfaden immer von derselben Seite eingelegt werden. Also habe ich es ausprobiert, dazu hat das Band zwei blaue Seiten bekommen, da ich es später als Armband verwenden möchte. In den zwei Bildern unten sieht man einen Übergang von der rundgewebten Kante zu flachen Rändern, hier sollen später die Verschußklammern des Armbandes hin.

Hier die Vorlage für den Einzug des Bandes:

Band mit 30 Fäden ähnlich dem Hammerum-Band

In welche Richtung man das Band beim Weben rollt, hängt ein bißchen davon ab, welche Seite man später als Sichtseite haben möchte, da sich der Schußfaden meist nicht vollständig verbergen läßt. Wenn man das trotzdem versucht, zieht man oft zu fest am Schußfaden, die Kante wird zwar schön rund und der Faden ist weg, das Band wird aber auch immer schmaler 😉 .

Bänder mit nach oben oder nach unten gerolltem Rand

Also fängt man einfach mal an zu weben und zieht den linken Rand des Bandes nach oben rund:

Der Schußfaden ist links, also das Litzenfach öffnen

Randfäden separieren und Schußfaden von innen nach außen einlegen

Schußfaden oben über die Randfäden führen und in das Fach rechts davon einlegen; der Rand rollt sich so nach oben ein

Schußfaden leicht anziehen, Fach wechseln und noch einmal nachziehen

Schußfaden in das nun geöffnete Fach einfach einlegen; weiter wie oben

Das Ganze geht auch, wenn über den Rand ein Muster läuft, z.B. ein kleines Kettenmuster, was sehr einfach ist, wenn man für ein pebble-weave-Muster in der Mitte des Bandes sowieso schon zwei Musterlitzen hat. Da braucht man nichts extra einlesen.

Bei diesem Band sieht man aber auch, was passiert, wenn man zu fest am Schußfaden zieht. Das Muster in der Mitte sieht sehr gestreckt aus, die verwendete nachgezwirnte Acrylwolle ist störrisch und macht es nicht besser.

Irgendwo habe ich schon gelesen, daß es die einfarbigen, direkt angewebten schlauchförmigen Gewebekanten auch bei traditionellen Textilien aus Südamerika gibt, allerdings nur an wenigen Orten. Wo genau das ist, muß ich noch herausbekommen.

Normalerweise werden zur Verstärkung und Verzierung von Gewebekanten bei traditionellen südamerikanischen Kettripsgeweben Bänder nach dem Weben um die Kante angenäht oder rund gezogene Bänder nachträglich mit einer extra Kette angewebt. Solche gerundeten Kanten sind, neben einfarbigen Ausführungen, gemustert, z.B. mit Ñawi Awapa oder Chichilla.

Ñawi Awapa faßt die Kanten ein und hält die Tasche zusammen
Tasche mit nachträglich angewebter Kante, das Muster heißt „chinka-chinka“

Sollte es funktionieren, z.B. Chichilla direkt anzuweben und warum macht man das dann nicht dort, wo es herkommt? Das wollte ich wissen!

Einer der Gründe, warum man die Kante in Südamerika nicht gleich mitwebt, ist, daß sie bei Tragetüchern und Ponchos einmal um das ganze Stück herumgeht, möglichst ohne Unterbrechung. Die Gewebekante des Tuchs wird dabei im Band eingeschlossen. Taschen kann man mit einer solchen Randverzierung an der Seite zusammennähen, das geht auch nicht gleich beim Weben.

Aber bei einem Gürtel könnte es gehen. Also habe ich eine Kette gemacht, der Bequemlichkeit halber mit Chichilla-Rändern, da dieses Muster mit Litzen gewebt wird.

Das Band hat zwei rundgewebte Randbereiche mit Chichilla-Muster, Mittelteil ca. 9 cm breit

Der Anfang war nicht einfach! Ich habe mit einem Schußfaden angefangen zu weben und natürlich erst einmal zu stark gezogen. Das sah nicht schön aus und so kam ich auf den Gedanken, die Kanten mit einem zweiten Schußfaden unabhängig von der Mitte des Bandes zu weben. Wenn man die Kanten mit diesem Faden gefühlvoll etwas schärfer anzieht, damit sie sich runden, beeinflußt man damit nicht so sehr das Band in der Mitte. Man braucht aber einige Zeit, ehe man das richtige Maß raus hat.

Bis jetzt gibt es noch keine Probleme mit unterschiedlicher Spannung der Kettfäden an den Rändern und in der Mitte. Ich denke, zum Ende des Bandes hin kann das noch auftreten, dort erwarte ich, das die Randfäden weniger Spannung haben als der Rest, da durch sie nur ein Schußfaden verläuft. Aber das läßt sich lösen.

(1) Ulla Mannering & Lise Ræder Knudsen: Hammerum: The Find of the Century, NESAT XI, Verlag Marie Leidorf GmbH 2013

(2) Margarete Hald: Ancient Danish Textiles from Bogs and Burials, National Museum of Denmark, Aarhus University Press 1980

Der Fisch im Band – und mehr in drei Farben

Die Kette mit dem Fisch lag schon eine ganze Zeit im Schrank herum. Das Ziel, dieses Motiv in drei Farben sowohl in der einseitigen als auch in der doppelseitigen Technik zu weben war erreicht, also weg damit um etwas neues zu lernen und anzufangen! Das geht mir öfter so und später ärgere ich mich über die vielen angefangenen Projekte, die irgendwann bis nie fertig werden, spätestens dann, wenn ich merke, daß nun wirklich alle Stäbe zum Weben belegt sind.

Der Fisch ist mir wieder in die Hände gekommen, als Laverne in ihrem Blog angekündigt hat, auch wieder einmal etwas in der dreifarbigen Technik zu weben. Dazu kam, daß ich neben der Beschreibung und einem Bild des Motivs in einem Artikel der Publikation „Experimentelle Archäologie in Europa – Bilanz 2011“ (1) das Inventarbuch der Sammlung der Uni Erlangen im Internet gefunden habe, in dem das Textilfragment mit dem Fischmotiv katalogisiert ist. Die Angaben dort sind dürftig, das Stück wurde aus einer Privatsammlung übernommen.

Ausschnitt Inventarbuch Sammlung Erlangen

Ausschnitt aus dem Inventarbuch der Sammlung Erlangen

Im Original ist das Motiv mit naturfarbener Baumwolle gewebt und hat 48 Musterfäden. Damit sitzt es unsymmetrisch im Musterbereich und ist an den Rändern etwas verkürzt, für mein Band habe ich es mit 56 Musterfäden symmetrisch gemacht.

Fischmotiv AE 654 Sammlung Erlangen

Bildquelle: (1)

Auf dem Bild oben kann man gut erkennen, um welche Mustertechnik es sich handelt, da auch die Rückseite des Gewebes fotografiert ist. Es ist die einseitige dreifarbige Technik, die verhältnismäßig einfach zu lernen ist, wenn man die Komplementärtechnik mit zwei Farben weben kann. Die ersten beiden Fischmotive in meinem Band sind in dieser Technik gewebt. Wie man das macht, steht im Buch (2) von Cason/Cahlander auf Seite 104.

Eine der komplexesten Webtechniken im vorspanischen Peru“ wie die Experimentalarchäologen aus Erlangen diese Art Muster zu weben genannt haben, ist es jedoch mit Sicherheit nicht, sondern die einfachste der Reselektionstechniken, bei der kein Unterfach gebildet werden muß.Komplexe Doppelgewebe mit mehr als vier Farben gab es in Südamerika schon weit vor den Inkas, einige Beispiele finden sich in (3).

Fisch dreifarbig Vorderseite

Vorderseite

Fisch dreifarbig Rückseite

Rückseite

Die doppelseitige Ausführung dieses Musters in drei Farben erfordert einen erheblichen Mehraufwand an Arbeitszeit und ist gegenüber einem echten Doppelgewebe mit vier Farben und eindeutig festgelegten Komplementärpaaren auf beiden Seiten in der Ausführung ziemlich knifflig, vor allem die richtige Farbe der „outline“ des Musters auf der Rückseite. Auch dazu steht die Beschreibung in (2), Seite 108. Die beiden Motive in der Mitte des Bandes sind doppelseitig, hierzu ist ein zweiter Schußfaden nötig.

Einfacher zu weben als die Pebble-weave-Muster mit Outline sind meiner Meinung nach doppelseitige dreifarbige Muster in „2/1 uneven twill with complementary warps“, also einem Kettripsmuster, das einen Hell-Dunkel-Kontrast der komplementären Musterfäden ähnlich eines Köpers 2/1 hat. Diese Muster findet man in Bolivien, ein prächtiges Exemplar aus Tinkipaya zeigt folgendes Bild:

Tinkipaya aksu

Bildquelle: Chungará (Arica) vol.51 no.2 Arica jun. 2019

Jeder der Farbstreifen im Bild oben hat um die zwanzig Musterfäden, insgesamt also für das Hauptmotiv ca. 300! Das wollte ich mir zu Anfang natürlich nicht antun, also habe ich erst einmal nur einen kleinen Ausschnitt mit 20 Musterfäden angefangen. Das zweifarbige Grundmuster ist aus dem Buch „More Adventures with warp-faced pick-up patterns“ von Laverne Waddington, die Anleitung, wie man das dreifarbig webt, steht wiederum in (2), Seite 110ff.

Rhomben dreifarbig Vorderseite

Vorderseite

Rhomben dreifarbig Rückseite

Rückseite

Durch die diagonalen Farbverläufe muß man bei der Aufnahme der Fäden für das Gegenfach nicht ganz so aufpassen wie bei dreifarbigem Pebble-weave mit Outline. Es werden aus den zwei „working colors“ (hier blau und rot) entlang der diagonalen Motivgrenzen Farben nur flächenhaft für die jeweiligen Motive auf Ober- und Unterseite des Gewebes ausgewählt.

Mit dem ständigen Gedanken im Hintergrund, was auf der Rückseite des Gewebes zu sehen sein wird, verläßt man die in Europa übliche zweidimensionale Sicht auf ein Textil bzw. nur dessen „schöne“ Seite und kommt der Sichtweise der indigenen Weber in den Anden näher, die ein textiles Objekt als dreidimensional ansehen. Nicht nur Vorder- und Rückseite werden betrachtet, sondern auch die Stärke und Dichte des Gewebes und dessen Ränder, was einen Rückschluss auf die verwendete Technik zuläßt. In Südamerika, speziell in Bolivien, diskutiert man dieses Thema unter Museumsfachleuten gerade. (5)

Wer käme hier auf den Gedanken, z.B. einen Wandteppich in einem Museum so auszustellen, daß man alle Seiten betrachten kann? Aus konservatorischen Gründen ist das sicher nicht für alle textilen Objekte möglich, interessant wäre es auf jeden Fall, gerade für Stücke, bei denen die Ansicht der Rückseite wichtig ist, um die entsprechende Webtechnik zuordnen zu können und um zu sehen, wie sorgfältig der Weber gearbeitet hat – oder auch nicht. Viele Textilmuseen im englischsprachigen Bereich haben umfangreiche Fotoserien ihrer Depotbestände ins Internet gestellt, die Rückseite der Gewebe sieht man dort jedoch nur sehr selten. Eine Ausnahme macht das Britische Museum in London mit interessanten Stücken wie dem dreifarbigen Pelikanmotiv im interlocking-style aus der Zeit der Chancay-Kultur in Peru, hier sind beide Seiten fotografiert und man kann sehen, daß das Motiv in der einseitigen Technik, wie der Fisch aus der Sammlung in Erlangen, gewebt ist.

Das Motiv hat 120 Musterfäden und mir juckt es gewaltig in den Fingern, das einmal nachzuweben. Der Webbrief ist fertig, das Garn dazu habe ich auch schon mit natürlichen Farbstoffen gefärbt und eine Probe mit einem kleinen Pelikanmotiv gewebt. Zur Zeit spinne ich die Wolle für die braune Grundfarbe, davon habe ich leider nur 50g, mal sehen, ob das für ein kleines quadratisches Tuch reicht.

Webbrief Chancay gross

Pelikane im interlocking-style dreifarbiges Motiv

Garn Naturfarben

Mit Naturfarbstoffen gefärbtes Wollgarn Nm5

Pelikane dreifarbig Vorderseite quer

dreifarbiges Band mit 16 Musterfäden

Das Band mit den Pelikanen, so schmal wie es ist, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das schwarz-weiße Grundmuster vom Webbrief so abzulesen, daß für das Motiv die Farben getauscht werden, es gedreht und gespiegelt wird, beschäftigt den Grips, das ist viel schöner, als auf dem Webstuhl mit egal wie viel Schäften einfach nur mechanisch geradeaus zu weben. 🙂

Zum Schluß noch die Quellenangaben zum Weiterlesen und ein Link zur Sammlung des Britischen Museums:

(1) Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2011; Isensee Verlag Oldenburg; 2011; Artikel: Claudia Merthen „Wie kommt der Fisch ins Band? Zur Rekonstruktion eines Gewebes aus Alt-Peru“ S.219 ff

https://www.pfahlbauten.de/forschungsinstitut/documents/FrankBoth-ExperimentalleArchaologieinEuropeHeft10-klein.pdf

(2) The Art of Bolivian Highland Weaving; Marjorie Cason und Adele Cahlander; Watson-Guptill Publications; 1976

(3) Double-woven treasures from Old Peru; Adele Cahlander und Suzanne Baizerman; Dos Tejedoras St. Paul Minnesota; 1985

(4) Sammlung des Britischen Museums London; Objekt Am1948, 6.08

https://www.britishmuseum.org/collection/object/E_Am1948-06-8 

(5) Artikel in La Tinta, Cordóba, Argentinien

https://latinta.com.ar/2019/09/saberes-tejedoras/

Die Muster der Acllas

Acllas (Quechua: aklla, Mz. akllakuna : die Erwählte/-n) waren zur Zeit der Inkaherrschaft vorwiegend aus den Kindern der Oberschicht ausgewählte  Jungfrauen, die für den Dienst des Sonnengottes oder des Inkas ausgebildet wurden. (1)

1995 fand man am Berg Ampato in Peru in der Nähe des Gipfels die vollständig erhaltene Mumie eines Kindes mit all ihrer Bekleidung und zahlreichen Grabbeigaben. Das Mädchen war im 15. Jahrhundert im Rahmen eines „capacocha“ genannten Rituals den Göttern geopfert worden. (2)

Der bei der Mumie gefundene Mantel  hat ein charakteristisches Muster aus im Zickzack verlaufenden zweiköpfigen Schlangen mit dazwischen liegenden sechseckigen „seeds“, was auch bei anderen Funden dieser Art, auf dem Bild unten (aus (3)) z.B. aus dem Norden von Chile, vorkommt.

 

Wissenschaftliche Untersuchungen an ähnlichen Textilien in Museen, die nicht immer von Opferstätten stammen, haben ergeben, daß diese Muster ein fester Bestandteil der zeremoniellen Kleidung der Acllas sind und wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Zyklen von Aussaat und Ernte stehen. Die Farbgebungen der Musterstreifen sind überall gleich, rot-gelb und rot-schwarz als Komplementärpaare, und hatten wohl ebenfalls eine Bedeutung. (4)

Die Muster wurden von den Inkas sowohl als doppelseitiger Schußrips (tapestry weave, tapíz – cara de trama) als auch in einer Komplementärtechnik (modified intermesh) gewebt. Damit verziert wurde nicht nur der Mantel der Acllas sondern manchmal auch das darunter getragene Wickelkleid (acsu). (7)

Aclla-Muster zwei Techniken (Col. Andes)

Die Muster, gewebt in zwei Techniken: oben als Bildwirkerei (Schußrips), unten in Komplementärtechnik; Bildquelle: (7)

Das „Center for Traditional Textiles Cusco“ – CTTC – (Centro de Textiles Tradicionales del Cusco – By Weavers, For Weavers) hat  2006 in Zusammenarbeit mit regionalen Webern begonnen, Rekonstruktionen der am Ampato gefundenen Textilien anzufertigen. (5)

Muster CTTC

nachgewebtes Muster aus dem Fund am Ampato Bildquelle: (5)

 

Eines dieser Stücke wird derzeit für nordamerikanische Käufer in einer Auktion angeboten, um die vom diesjährigen Zusammenbruch des Tourismusgeschäftes in der Region Cusco stark betroffenen Weber zu unterstützen. (Replica of the Ceremonial Ice Maiden Shawl | 32auctions)

Es ist laut Aussagen der Weber vom CTTC nicht einfach, diese Muster von einem vorhandenen Textil abzunehmen und nachzuweben.

Das habe ich gemerkt, vor allem, da es keine wirklich hoch auflösenden Fotos der archäologischen Fundstücke oder Rekonstruktionen gibt, bei denen man die Fäden richtig zählen kann. Aber irgendwann nach zwei Jahren ist bei mir der Knoten gerissen, diese Muster haben ein Konstruktionsprinzip und eine ungewöhnliche Zählweise, auf die man nicht gleich kommt. Da meine Kette zum Experimentieren für einen anderen Musterentwurf gedacht war, habe ich nicht alles, nur etwa zwei Drittel der Breite, darauf bekommen. Die original vorhandene Unterteilung in Farbstreifen ist auch weggelassen.

 

nachgewebtes Aclla-Muster

Musterstreifen mit 97 Fadenpaaren rot/gelb;  Material:  Baumwollgarn Nr. 10

Das erste Muster ist verkürzt, weil ich sehen wollte, ob mein Entwurf überhaupt funktioniert. Bei den Rändern hatte ich es wohl ein paar mal zu eilig 🤭.

Die Vorlagen für die vollständigen Muster findet man hier. Sie sind keine fadengenaue Abbildung der archäologischen Funde, sondern lediglich eine Möglichkeit, diese Muster in zweifarbiger Komplementärtechnik zu weben. Die Muster haben manchmal Fadenflottierungen über 5 Reihen, das ist zwar nicht so schön, läßt sich bei modified intermesh nicht immer vermeiden und tritt auch bei den Rekonstruktionen des CTTC auf. Es gibt zwar eine Möglichkeit, notwendige Bindepunkte an unpassenden Stellen fast unsichtbar zu machen, indem man die Farben eines Komplementärpaares  verdreht tauscht (in (6) auf Seite 61, Bild 7, in anderem Zusammenhang beschrieben), das habe ich aber bei dieser Technik noch nicht probiert.

Hier die Quellenangaben und etwas zum weiterlesen:

(1) Wikipedia (engl.): Aclla – Wikipedia

(2) Wikipedia: Juanita (Mumie) – Wikipedia

(3) Qhapaq Hucha Cerro Esmeralda; Museo Regional de Iquique; Dezember 2012, Autor u.a.: Pablo Mendez-Quiros; abgerufen von researchgate.net

(4) El manto o acso de la reina mujer de Atahualpa. ¿Una prenda de la última reina del Peru?; Olga Isabel Acosta Luna und María Catalina Plazas García; Museo Nacional de Colombia; 2011

(5) Textile Traditions of Chinchero. A Living Heritage; Nilda Callañaupa Alvarez; Thrums Books; 2012

(6) The Art of Bolivian Highland Weaving; Marjorie Cason und Adele Cahlander; Watson-Guptill Publications; 1976

(7) The Colonial Andes: Tapestry and Silverworks 1530 – 1830; Elena Phipps, Johanna Hecht, Cristina Esters Martín; The Metropolitan Museum of Art; 2004