KettfĂ€den beim Weben versetzen, welcher Weber denkt da nicht sofort an Dreherbindungen (1) ? Die gibt es im vorspanischen SĂŒdamerika auch, aber hier soll eine andere Art der Musterbildung mit Versatz von KettfĂ€den beschrieben werden.
ArchĂ€ologische Funde sind rar, die Technik wurde in einem begrenzten Gebiet im SĂŒden Perus, dem Norden von Chile und Argentinien sowie im sĂŒdwestlichen Hochland von Bolivien angewendet (3). In der heutigen Zeit wird diese Mustertechnik kaum noch ausgeĂŒbt, in Chile bemĂŒht man sich gerade, sie wiederzubeleben. Dazu wurde auf Instagram von MariĂłn Lira (@liratextil.cl ; liratextil.com) ein Kurs angekĂŒndigt, an dem ich gerne teilgenommen hĂ€tte, wĂ€re das nicht wegen der Zeitverschiebung nachts um zwei gewesen. Neugierig war ich aber, es gab ein Bild von einem Band und ich wuĂte von der Bandwebtechnik mit gekreuzten KettfĂ€den, wie man dort einen Farbwechsel durch Versatz von KettfĂ€den macht. Einige schlaflose NĂ€chte und ein paar Stunden probieren spĂ€ter hatte ich es heraus, wie das Band auf dem Bild zu weben geht.Â

FĂŒr das Band werden – jeweils in Runden – vier helle und vier dunkle Fadenpaare auf KreuzstĂ€ben eingezogen. Ob man das auf einem Bandwebstuhl macht oder als backstrap-Anordnung, ist egal, die KreuzstĂ€be bleiben aber zur Orientierung beim Weben dauerhaft in der Kette. Litzen zur Fachbildung braucht man bei den wenigen FĂ€den keine, sie erschweren nur die Ăbersicht, im Bild unten hatte ich sie versuchsweise drangemacht.Â

An den KreuzstĂ€ben zeigt Fach 1 zum Weber hin, Fach 2 liegt hinter den KreuzstĂ€ben.Â

Um das Band zu beginnen, webt man erstmal einige SchĂŒsse Leinenbindung, Fach 2 wird dazu mit der Hand aufgenommen. Man beendet die Leinenbindung mit Fach 1, Reihe 1. Nun geht das Muster los.
Reihe 1 – Fach 1
Reihe 2 – KettfĂ€den versetzen, die weiĂen FĂ€den liegen oben, die roten gehen in der Mitte durch
Reihenfolge nach Versatz: 2 ws, 2 rt, 4 ws, 4 rt, 4 ws, 2 rt, 2 ws
nach oben genommen werden die FĂ€den fĂŒr Fach 2, versetzt werden aber die ganzen Kettfadenpaare! damit das Muster auch auf der Unterseite erscheint
je 2 Paare weiĂe FĂ€den bilden den Rand, diese werden nicht versetzt
Reihe 3 – Fach 1
Reihe 4 – Fach 2
Beginnen wieder bei Reihe 1
Hier ein Bild mit dem Blick in das geöffnete Fach und mit Lage und Richtung der zu versetzenden FÀden:

Der Fadenlauf fĂŒr einen Mustersatz sieht so aus:


Am Anfang ist es schwierig, bei Reihe 2 die ganzen FĂ€den auf der Hand in der richtigen Reihenfolge zu halten und bei den versetzten Fadenpaaren den richtigen aus Fach 2 zu erkennen. Hier hilft es, wenn man sich am SchuĂfaden an der Weblinie statt an den KreuzstĂ€ben orientiert, dort ist leichter zu sehen, welcher Faden des Paares zu Fach 1 oder Fach 2 gehört.
Wenn man so gar nicht klarkommt, kann man die FĂ€den auf einem Rahmen befestigen und beginnt das Weben an der Seite des Bandes mit den Knoten. Hier braucht man auch kein Fadenkreuz, sondern ordnet die Schlaufen der Kettfadenpaare auf dem oberen Kettbaum in der richtigen Reihenfolge an und versetzt diese, wie das Muster es erfordert.
Manche Sachen, wie dieses Band hier, kann man nur auf einem Rahmen ohne Fadenkreuz weben, da die Diagonalen in eine Richtung laufen und das Fadenkreuz immer mehr verdrehen wĂŒrden.Â

Die folgenden Bilder zeigen was passiert, wenn man dieses Muster versucht mit KreuzstÀben zu weben:




Auf dem Rahmen versetzt man fĂŒr das Muster die Kettfadenschlaufen am oberen Kettbaum und nimmt das Fach 2 dort von unten auf:






Als ich mit den ersten BĂ€ndern fertig war, gefiel mir die Technik mit dem Kettfadenversatz und ich fing an, nach mehr davon zu suchen. Im Buch ĂŒber die Webtechniken der Anden (2) sind dazu zahlreiche Abbildungen von gewebten Beispielen und archĂ€ologischen Funden. Im Buch von Ann P. Rowe (4) ist der Fadenlauf fĂŒr das oben gezeigte blau-weiĂe Band abgebildet, was mir sehr beim VerstĂ€ndnis der sĂŒdamerikanischen Variante des Kettfadenversatzes geholfen hat. Also ging es los mit einem Ausschnitt aus einem Inka-Textil (Textile Museum TM 1961.30.210) , bei dem ein Bereich, der eigentlich fĂŒr KomplementĂ€rmuster gedacht ist, versetzt und wieder zusammengefĂŒhrt wird.Â


Das kann man mit KreuzstĂ€ben in der Kette gut machen, weil der Versatz duch die Struktur des Musters – auf-und zugehende Diagonalen in einem Rhombus – nach einigen Reihen rĂŒckgĂ€ngig gemacht wird. In (3) ist eine interessante Interpretation dazu, dieses Muster soll BezĂŒge zur Wari-Tiwanaku-Zeit haben und möglicherweise das von einer wichtigen Gottheit getragene Schlangenattribut symbolisieren. Ein paar Schlangenmuster habe ich als KomplementĂ€rgewebe zwischen die Bereiche mit den versetzten KettfĂ€den gewebt.
Doch halt, Schlangen sollen das sein? Nach (5) heiĂt dieses Muster „kuti“ und soll die Kartoffelhacke darstellen. Daran habe ich groĂe Zweifel und zwar aus folgendem Grund: Ende des 18. Jahrhunderts, in den 1780er Jahren, wurden nach AufstĂ€nden der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren in dem von den Spaniern besetzten Vizekönigreich Peru indigene Kleidung und nichtchristliche Symbolik verboten. Ganz hat man das nicht durchsetzen können, in lĂ€ndlichen Gebieten behielten die Frauen z.B. ihr Tragetuch bei und webten dort ĂŒberlieferte Muster hinein. Ich denke, es kam zu einer Art codierten Sprache, bei der man den Vertretern der Kolonialherren erzĂ€hlte, daĂ das Muster mit der zweiköpfigen Schlange ein landwirtschaftliches GerĂ€t darstellt. Vielleicht ist es auch ein Wortspiel mit dem Quechua-Wort „kutiy“, das bedeutet RĂŒckkehr oder Wiederkehr. Der alten Götter möglicherweise oder ist die Schlange die Wiederkehr von irgendetwas? Das ist aber lediglich meine persönliche Meinung zu dieser Sache. Es wĂ€re sicher ein interessantes Forschungsgebiet, ob die heutigen Weberinnen in Peru die wirkliche Bedeutung dieser Motive tatsĂ€chlich nicht mehr kennen oder ob sie Menschen auĂerhalb ihres kulturellen Umfeldes, auch Forschern, durch ihre schlechten Erfahrungen mit Rassismus und kultureller UnterdrĂŒckung in dieser Richtung einen BĂ€ren aufbinden.Â
In den Artikeln zu versetzten KettfĂ€den in (2) und (3) ist ein wirklich schönes Band aus der Zeit des Mittleren Horizonts (ca. 400 bis 1000 n. Chr.) abgebildet, das in Bolivien in einer Höhle bei Mojocoya gefunden wurde und als Henkel einer Tasche gedient haben mag. Mich erinnerte das Motiv irgendwie an die „Fajas de Sara“ aus Peru, die aber in einer ganz anderen Technik gewebt werden. Und wirklich, in (3) wird dieses Muster mit Bezug auf Aussagen zeitgenössischer Weberinnen aus Bolivien so interpretiert, daĂ es etwas mit Aussaat und Saatgut zu tun hat, Ă€hnlich wie die fajas de sara. Vielleicht ist das das gröĂte RĂ€tsel von Bruder MurĂșa, wie diese beiden Sachen zusammengehören.Â

Das schöne vielfarbige Muster weckte meinen kleinen inneren Bluthund – werde ich einen Webbrief nur aus der Abbildung in (2) machen können und dieses Muster weben? Es war nicht einfach und hat einige Stunden gedauert, bis ich eine Darstellungsart gefunden hatte, nach der man das weben kann. Eine Reihe im Webbrief entspricht zwei gewebten Reihen auf dem Band, die RĂŒckreihe muĂ nicht eingelesen werden, da hier nur der SchuĂfaden in das Fach von den KreuzstĂ€ben oder beim Weben auf einem Rahmen in das Fach am oberen Kettbaum eingelegt wird.Â

Der Webbrief zeigt lediglich die Lage der Kettfadenpaare in jeder Musterreihe, aber nicht, welches Fadenpaar man versetzen muĂ und ob das im Fach oder auf dem Gewebe geschieht. Ein Foto von einem fertigen Gewebe oder noch besser, ein BeispielstĂŒck, sollte man zum Weben mit dabei haben. Dazu möchte ich noch einmal auf das Bild oben mit dem Blick ins geöffnete Fach verweisen, bei dem gezeigt wird, wie die Fadenpaare zu versetzen sind, wenn sie unsichtbar im Fach oder sichtbar auf der Oberseite des Gewebes verlaufen sollen.
Beim Versatz der KettfĂ€den in einem solchen komplexen Muster versucht man immer, den kĂŒrzesten Weg fĂŒr das zu versetzende Fadenpaar zu wĂ€hlen und beachtet auch, welche LinienfĂŒhrung auf der OberflĂ€che stattfindet. In diesem Beispiel hier sind es die hellen und dunklen Zickzacklinien, die nicht von EinzelfĂ€den auf der OberflĂ€che gekreuzt und unterbrochen werden. FadenversĂ€tze, die diese Hauptlinien kreuzen, verlaufen immer unsichtbar im Fach.


Da das Ganze am Anfang kompliziert aussah, habe ich die Kette auf einen Rahmen aufgezogen, wo ich nichts auf der Hand halten muĂte, sondern nur die Kettfadenschlaufen auf dem oberen Kettbaum umsortiern muĂ. Mit dem Rahmen ist das sehr einfach, vor allem, wenn FĂ€den im Fach verlaufen sollen. Nach dem Umsortieren habe ich von der Kette die FĂ€den aus Fach 2 von Hand aufgenommen, die ja nun in der richtigen Reihenfolge liegen. In dieses Musterfach wird der SchuĂfaden eingelegt, danach das Fach 1 vom Kettbaum aufgenommen, angeschlagen und wieder der SchuĂfaden eingelegt. Der Ablauf des Webens auf dem Rahmen ist folgender:
– Kette auf dem oberen Kettbaum gemÀà der Reihe im Webbrief sortieren
– Fach 2 von diesem Kettverlauf aufnehmen – geht am besten direkt unterhalb des Kettbaumes
– aufgenommenes Fach zur Weblinie ziehen und anschlagen, SchuĂfaden einlegen
– Fach 1 am Kettbaum aufnehmen und zur Weblinie ziehen, anschlagen, SchuĂfaden einlegen
– mit der nĂ€chsten Reihe sortieren beginnen usw.
Das ProbestĂŒck war fertig, das Muster sah so aus wie auf der Abbildung im Buch, aber eins muĂte ich noch ausprobieren: wenn das bei Ausgrabungen gefundene Band wirklich der Henkel einer Tasche war, muĂ es lĂ€nger gewesen sein, als es sich auf einem Rahmen noch gut weben lĂ€Ăt. Die Taschen jener Zeit waren zum UmhĂ€ngen gedacht, da braucht man mindestens ein Band von 1,5 m LĂ€nge, auch wenn die Menschen damals kleiner waren als heute. Bei einer Kette von 1,7 m AnfangslĂ€nge artet das in Sport aus, wenn man bei einem so groĂen Rahmen anfĂ€nglich fĂŒr jede Reihe aufstehen und weit hochlangen muĂ. Durch die vorigen Experimente hatte ich gelernt, daĂ sich bei Zickzacklinien das entstehende Fadenchaos an den KreuzstĂ€ben auch wieder auflöst, zudem ist das Muster modular aufgebaut, so daĂ man immer nur die FĂ€den eines Musterstreifens beim Versetzen auf der Hand halten muĂ. Also eine Kette mit zwei gegenlĂ€ufigen Zickzacklinien eingezogen und die Sache ausprobiert. Am Anfang war das ein ganz schöner Kampf mit den FĂ€den, unterhalb der KreuzstĂ€be wurde das Durcheinander immer gröĂer und die Ăbersicht ging verloren. Nach einer Pause und Nachdenken hatte ich dann heraus, wie es geht: man muĂ sich direkt an der Weblinie orientieren, dort die Fadenpaare versetzen und das Fach 2 aufnehmen. Fehler passieren hier öfter, als wenn man mit Rahmen webt, aber aus diesen lernt man auch, worauf man achten muĂ und wie man die FĂ€den richtig hĂ€lt. Trotz des entstehenden Durcheinanders an den KreuzstĂ€ben kann man das dort durch den Einzug festgelegte Fach 1 als RĂŒckreihe verwenden, da fĂŒr das Muster die ganzen Fadenpaare versetzt werden und dabei keine Verdrehungen von Fach 1 und 2 untereinander entstehen. DafĂŒr muĂ man manchmal die KreuzstĂ€be etwas von sich weg schieben, um das Fach aufnehmen zu können. Bis jetzt habe ich mit versetzten KettfĂ€den nur mit glattem und relativ starken Baumwollgarn gewebt, bei dem die FĂ€den nicht aneinander hĂ€ngen bleiben. DaĂ die Weberinnen in alter Zeit dieses mit dĂŒnnen WollfĂ€den konnten, davor habe ich groĂen Respekt.Â











Das Weben auf dem Rahmen ging fĂŒr ein breites Band mit Muster besser als wenn man die versetzten FĂ€den auf der Hand halten muĂ und so kam mir der Gedanke, das mit einem gröĂeren Flechtmuster zu wiederholen. Hier zeigte sich, daĂ sich die versetzten KettfĂ€den beim Weben mehr verkĂŒrzen, als die RandfĂ€den, die an ihrer Position bleiben.Â

Die RandfĂ€den wurden deshalb mit zwei StĂ€bchen nachgespannt. Das Flechtmuster habe ich so weit gewebt, wie es auf dem Rahmen ging und das Band danach auf dem backstrap-loom mit vier festen Seiten fertiggestellt. Mit dem starken Baumwollgarn ging das recht schnell und die etwas weniger gespannten RandfĂ€den lieĂen sich in den Endschlaufen verstecken.Â


Der Musterentwurf fĂŒr diese Technik ist nicht ganz ohne, da man stĂ€ndig alle vorhanden FĂ€den in einer Musterreihe verwenden muĂ und durch die paarige Anordnung der FĂ€den die RĂŒckseite gleich ist. Man kann also nicht mal eine Farbe auf der RĂŒckseite verschwinden lassen. Gut sieht man das an den kleinen Spitzen im Band aus Mojocoya, die das eigentlich regelmĂ€Ăige Rhombenmuster unterbrechen. Die Rhomben haben nicht ĂŒberall die selbe Breite und man muĂte die ĂŒberzĂ€hligen FĂ€den irgendwo unterbringen. Ich denke aber, daĂ das bei diesem Muster möglicherweise so gewollt ist, vor allem dann, wenn das Muster in seiner Bedeutung wirklich etwas mit den Sara-Mustern aus San Ignacio de Loyola in Peru gemeinsam hat.Â
FĂŒr Neugierige sind hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:
(1) Annemarie Seiler-Baldinger: Systematik der Textilen Techniken, Baseler BeitrÀge zur Ethnologie, Basel 1991; S. 108-110
(2) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving; Thames and Hudson, London 2015; S. 155 – 165
(3) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: Lazos Forestales: Técnicas y diseños de los tirantes de bolsas personales de Mojocoya; Universidad Mayor de San Simón Cochabamba, Arqueoantropológicas Año 3, 2013; S. 59-92
(4) Ann Pollard Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes, The Textile Museum Washington D.C., 1977; S. 104-105
(5) Nilda Callañaupa Alvarez: Textile Tradition of Chinchero: A living Heritage, Centro de Textiles Tradicionales del Cusco 2012; S. 105
(6) Penelope Dransart: A highland textile tradition from the far south of Peru during the period of Inka domination, in: PreColumbian Textile Conference VIII / Jornadas de Textiles PreColombinos VIII, 2020























































































































