Versetzte KettfĂ€den – transposed warps – urdimbres transpuestas

KettfĂ€den beim Weben versetzen, welcher Weber denkt da nicht sofort an Dreherbindungen (1) ? Die gibt es im vorspanischen SĂŒdamerika auch, aber hier soll eine andere Art der Musterbildung mit Versatz von KettfĂ€den beschrieben werden. 

ArchĂ€ologische Funde sind rar, die Technik wurde in einem begrenzten Gebiet im SĂŒden Perus, dem Norden von Chile und Argentinien sowie im sĂŒdwestlichen Hochland von Bolivien angewendet (3). In der heutigen Zeit wird diese Mustertechnik kaum noch ausgeĂŒbt, in Chile bemĂŒht man sich gerade, sie wiederzubeleben. Dazu wurde auf Instagram von MariĂłn Lira (@liratextil.cl ; liratextil.com) ein Kurs angekĂŒndigt, an dem ich gerne teilgenommen hĂ€tte, wĂ€re das nicht wegen der Zeitverschiebung nachts um zwei gewesen. Neugierig war ich aber, es gab ein Bild von einem Band und ich wußte von der Bandwebtechnik mit gekreuzten KettfĂ€den, wie man dort einen Farbwechsel durch Versatz von KettfĂ€den macht. Einige schlaflose NĂ€chte und ein paar Stunden probieren spĂ€ter hatte ich es heraus, wie das Band auf dem Bild zu weben geht. 


FĂŒr das Band werden – jeweils in Runden – vier helle und vier dunkle Fadenpaare auf KreuzstĂ€ben eingezogen. Ob man das auf einem Bandwebstuhl macht oder als backstrap-Anordnung, ist egal, die KreuzstĂ€be bleiben aber zur Orientierung beim Weben dauerhaft in der Kette. Litzen zur Fachbildung braucht man bei den wenigen FĂ€den keine, sie erschweren nur die Übersicht, im Bild unten hatte ich sie versuchsweise drangemacht. 


An den KreuzstÀben zeigt Fach 1 zum Weber hin, Fach 2 liegt hinter den KreuzstÀben. 

Um das Band zu beginnen, webt man erstmal einige SchĂŒsse Leinenbindung, Fach 2 wird dazu mit der Hand aufgenommen. Man beendet die Leinenbindung mit Fach 1, Reihe 1. Nun geht das Muster los.

Reihe 1 – Fach 1

Reihe 2 – KettfĂ€den versetzen, die weißen FĂ€den liegen oben, die roten gehen in der Mitte durch

Reihenfolge nach Versatz: 2 ws, 2 rt, 4 ws, 4 rt, 4 ws, 2 rt, 2 ws

nach oben genommen werden die FĂ€den fĂŒr Fach 2, versetzt werden aber die ganzen Kettfadenpaare! damit das Muster auch auf der Unterseite erscheint

je 2 Paare weiße FĂ€den bilden den Rand, diese werden nicht versetzt

Reihe 3 – Fach 1

Reihe 4 – Fach 2

Beginnen wieder bei Reihe 1


Hier ein Bild mit dem Blick in das geöffnete Fach und mit Lage und Richtung der zu versetzenden FÀden:


Der Fadenlauf fĂŒr einen Mustersatz sieht so aus:

Am Anfang ist es schwierig, bei Reihe 2 die ganzen FĂ€den auf der Hand in der richtigen Reihenfolge zu halten und bei den versetzten Fadenpaaren den richtigen aus Fach 2 zu erkennen. Hier hilft es, wenn man sich am Schußfaden an der Weblinie statt an den KreuzstĂ€ben orientiert, dort ist leichter zu sehen, welcher Faden des Paares zu Fach 1 oder Fach 2 gehört. 

Wenn man so gar nicht klarkommt, kann man die FĂ€den auf einem Rahmen befestigen und beginnt das Weben an der Seite des Bandes mit den Knoten. Hier braucht man auch kein Fadenkreuz, sondern ordnet die Schlaufen der Kettfadenpaare auf dem oberen Kettbaum in der richtigen Reihenfolge an und versetzt diese, wie das Muster es erfordert. 


Manche Sachen, wie dieses Band hier, kann man nur auf einem Rahmen ohne Fadenkreuz weben, da die Diagonalen in eine Richtung laufen und das Fadenkreuz immer mehr verdrehen wĂŒrden. 

Die folgenden Bilder zeigen was passiert, wenn man dieses Muster versucht mit KreuzstÀben zu weben:

Auf dem Rahmen versetzt man fĂŒr das Muster die Kettfadenschlaufen am oberen Kettbaum und nimmt das Fach 2 dort von unten auf:


Als ich mit den ersten BĂ€ndern fertig war, gefiel mir die Technik mit dem Kettfadenversatz und ich fing an, nach mehr davon zu suchen. Im Buch ĂŒber die Webtechniken der Anden (2) sind dazu zahlreiche Abbildungen von gewebten Beispielen und archĂ€ologischen Funden. Im Buch von Ann P. Rowe (4) ist der Fadenlauf fĂŒr das oben gezeigte blau-weiße Band abgebildet, was mir sehr beim VerstĂ€ndnis der sĂŒdamerikanischen Variante des Kettfadenversatzes geholfen hat. Also ging es los mit einem Ausschnitt aus einem Inka-Textil (Textile Museum TM 1961.30.210) , bei dem ein Bereich, der eigentlich fĂŒr KomplementĂ€rmuster gedacht ist, versetzt und wieder zusammengefĂŒhrt wird. 

Das kann man mit KreuzstĂ€ben in der Kette gut machen, weil der Versatz duch die Struktur des Musters – auf-und zugehende Diagonalen in einem Rhombus – nach einigen Reihen rĂŒckgĂ€ngig gemacht wird. In (3) ist eine interessante Interpretation dazu, dieses Muster soll BezĂŒge zur Wari-Tiwanaku-Zeit haben und möglicherweise das von einer wichtigen Gottheit getragene Schlangenattribut symbolisieren. Ein paar Schlangenmuster habe ich als KomplementĂ€rgewebe zwischen die Bereiche mit den versetzten KettfĂ€den gewebt.

Doch halt, Schlangen sollen das sein? Nach (5) heißt dieses Muster „kuti“ und soll die Kartoffelhacke darstellen. Daran habe ich große Zweifel und zwar aus folgendem Grund: Ende des 18. Jahrhunderts, in den 1780er Jahren, wurden nach AufstĂ€nden der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren in dem von den Spaniern besetzten Vizekönigreich Peru indigene Kleidung und nichtchristliche Symbolik verboten. Ganz hat man das nicht durchsetzen können, in lĂ€ndlichen Gebieten behielten die Frauen z.B. ihr Tragetuch bei und webten dort ĂŒberlieferte Muster hinein. Ich denke, es kam zu einer Art codierten Sprache, bei der man den Vertretern der Kolonialherren erzĂ€hlte, daß das Muster mit der zweiköpfigen Schlange ein landwirtschaftliches GerĂ€t darstellt. Vielleicht ist es auch ein Wortspiel mit dem Quechua-Wort „kutiy“, das bedeutet RĂŒckkehr oder Wiederkehr. Der alten Götter möglicherweise oder ist die Schlange die Wiederkehr von irgendetwas? Das ist aber lediglich meine persönliche Meinung zu dieser Sache. Es wĂ€re sicher ein interessantes Forschungsgebiet, ob die heutigen Weberinnen in Peru die wirkliche Bedeutung dieser Motive tatsĂ€chlich nicht mehr kennen oder ob sie Menschen außerhalb ihres kulturellen Umfeldes, auch Forschern, durch ihre schlechten Erfahrungen mit Rassismus und kultureller UnterdrĂŒckung in dieser Richtung einen BĂ€ren aufbinden. 

In den Artikeln zu versetzten KettfĂ€den in (2) und (3) ist ein wirklich schönes Band aus der Zeit des Mittleren Horizonts (ca. 400 bis 1000 n. Chr.) abgebildet, das in Bolivien in einer Höhle bei Mojocoya gefunden wurde und als Henkel einer Tasche gedient haben mag. Mich erinnerte das Motiv irgendwie an die „Fajas de Sara“ aus Peru, die aber in einer ganz anderen Technik gewebt werden. Und wirklich, in (3) wird dieses Muster mit Bezug auf Aussagen zeitgenössischer Weberinnen aus Bolivien so interpretiert, daß es etwas mit Aussaat und Saatgut zu tun hat, Ă€hnlich wie die fajas de sara. Vielleicht ist das das grĂ¶ĂŸte RĂ€tsel von Bruder MurĂșa, wie diese beiden Sachen zusammengehören. 

Band aus Mojocoya, Bild abfotografiert aus (2)


Das schöne vielfarbige Muster weckte meinen kleinen inneren Bluthund – werde ich einen Webbrief nur aus der Abbildung in (2) machen können und dieses Muster weben? Es war nicht einfach und hat einige Stunden gedauert, bis ich eine Darstellungsart gefunden hatte, nach der man das weben kann. Eine Reihe im Webbrief entspricht zwei gewebten Reihen auf dem Band, die RĂŒckreihe muß nicht eingelesen werden, da hier nur der Schußfaden in das Fach von den KreuzstĂ€ben oder beim Weben auf einem Rahmen in das Fach am oberen Kettbaum eingelegt wird. 

Der Webbrief zeigt lediglich die Lage der Kettfadenpaare in jeder Musterreihe, aber nicht, welches Fadenpaar man versetzen muß und ob das im Fach oder auf dem Gewebe geschieht. Ein Foto von einem fertigen Gewebe oder noch besser, ein BeispielstĂŒck, sollte man zum Weben mit dabei haben. Dazu möchte ich noch einmal auf das Bild oben mit dem Blick ins geöffnete Fach verweisen, bei dem gezeigt wird, wie die Fadenpaare zu versetzen sind, wenn sie unsichtbar im Fach oder sichtbar auf der Oberseite des Gewebes verlaufen sollen. 

Beim Versatz der KettfĂ€den in einem solchen komplexen Muster versucht man immer, den kĂŒrzesten Weg fĂŒr das zu versetzende Fadenpaar zu wĂ€hlen und beachtet auch, welche LinienfĂŒhrung auf der OberflĂ€che stattfindet. In diesem Beispiel hier sind es die hellen und dunklen Zickzacklinien, die nicht von EinzelfĂ€den auf der OberflĂ€che gekreuzt und unterbrochen werden. FadenversĂ€tze, die diese Hauptlinien kreuzen, verlaufen immer unsichtbar im Fach. 

Da das Ganze am Anfang kompliziert aussah, habe ich die Kette auf einen Rahmen aufgezogen, wo ich nichts auf der Hand halten mußte, sondern nur die Kettfadenschlaufen auf dem oberen Kettbaum umsortiern muß. Mit dem Rahmen ist das sehr einfach, vor allem,  wenn FĂ€den im Fach verlaufen sollen. Nach dem Umsortieren habe ich von der  Kette die FĂ€den aus Fach 2 von Hand aufgenommen, die ja nun in der richtigen Reihenfolge liegen. In dieses Musterfach wird der Schußfaden eingelegt, danach das Fach 1 vom Kettbaum aufgenommen, angeschlagen und wieder der Schußfaden eingelegt. Der Ablauf des Webens auf dem Rahmen ist folgender:

– Kette auf dem oberen Kettbaum gemĂ€ĂŸ der Reihe im Webbrief sortieren

– Fach 2 von diesem Kettverlauf aufnehmen – geht am besten direkt unterhalb des Kettbaumes

– aufgenommenes Fach zur Weblinie ziehen und anschlagen, Schußfaden einlegen

– Fach 1 am Kettbaum aufnehmen und zur Weblinie ziehen, anschlagen, Schußfaden einlegen

– mit der nĂ€chsten Reihe sortieren beginnen usw.


Das ProbestĂŒck war fertig, das Muster sah so aus wie auf der Abbildung im Buch, aber eins mußte ich noch ausprobieren: wenn das bei Ausgrabungen gefundene Band wirklich der Henkel einer Tasche war, muß es lĂ€nger gewesen sein, als es sich auf einem Rahmen noch gut weben lĂ€ĂŸt. Die Taschen jener Zeit waren zum UmhĂ€ngen gedacht, da braucht man mindestens ein Band von 1,5 m LĂ€nge, auch wenn die Menschen damals kleiner waren als heute. Bei einer Kette von 1,7 m AnfangslĂ€nge artet das in Sport aus, wenn man bei einem so großen Rahmen anfĂ€nglich  fĂŒr jede Reihe aufstehen und weit hochlangen muß. Durch die vorigen Experimente hatte ich gelernt, daß sich bei Zickzacklinien das entstehende Fadenchaos an den KreuzstĂ€ben auch wieder auflöst, zudem ist das Muster modular aufgebaut, so daß man immer nur die FĂ€den eines Musterstreifens beim Versetzen auf der Hand halten muß. Also eine Kette mit zwei gegenlĂ€ufigen Zickzacklinien eingezogen und die Sache ausprobiert. Am Anfang war das ein ganz schöner Kampf mit den FĂ€den, unterhalb der  KreuzstĂ€be wurde das Durcheinander immer grĂ¶ĂŸer und die Übersicht ging verloren. Nach einer Pause und Nachdenken hatte ich dann heraus, wie es geht: man muß sich direkt an der Weblinie orientieren, dort die Fadenpaare versetzen und das Fach 2 aufnehmen. Fehler passieren hier öfter, als wenn man mit Rahmen webt, aber aus diesen lernt man auch, worauf man achten muß und wie man die FĂ€den richtig hĂ€lt. Trotz des entstehenden Durcheinanders an den KreuzstĂ€ben kann man das dort durch den Einzug festgelegte Fach 1 als RĂŒckreihe verwenden, da fĂŒr das Muster die ganzen Fadenpaare versetzt werden und dabei keine Verdrehungen von Fach 1 und 2 untereinander entstehen. DafĂŒr muß man manchmal die KreuzstĂ€be etwas von sich weg schieben, um das Fach aufnehmen zu können. Bis jetzt habe ich mit versetzten KettfĂ€den nur mit glattem und relativ starken Baumwollgarn gewebt, bei dem die FĂ€den nicht aneinander hĂ€ngen bleiben. Daß die Weberinnen in alter Zeit dieses mit dĂŒnnen WollfĂ€den konnten, davor habe ich großen Respekt. 


Das Weben auf dem Rahmen ging fĂŒr ein breites Band mit Muster besser als wenn man die versetzten FĂ€den auf der Hand halten muß und so kam mir der Gedanke, das mit einem grĂ¶ĂŸeren Flechtmuster zu wiederholen. Hier zeigte sich, daß sich die versetzten KettfĂ€den beim Weben mehr verkĂŒrzen, als die RandfĂ€den, die an ihrer Position bleiben. 


Die RandfĂ€den wurden deshalb mit zwei StĂ€bchen nachgespannt. Das Flechtmuster habe ich so weit gewebt, wie es auf dem Rahmen ging und das Band danach auf dem backstrap-loom mit vier festen Seiten fertiggestellt. Mit dem starken Baumwollgarn ging das recht schnell und die etwas weniger gespannten RandfĂ€den ließen sich in den Endschlaufen verstecken. 


Der Musterentwurf fĂŒr diese Technik ist nicht ganz ohne, da man stĂ€ndig alle vorhanden FĂ€den in einer Musterreihe verwenden muß und durch die paarige Anordnung der FĂ€den die RĂŒckseite gleich ist. Man kann also nicht mal eine Farbe auf der RĂŒckseite verschwinden lassen. Gut sieht man das an den kleinen Spitzen im Band aus Mojocoya, die das eigentlich regelmĂ€ĂŸige Rhombenmuster unterbrechen. Die Rhomben haben nicht ĂŒberall die selbe Breite und man mußte die ĂŒberzĂ€hligen FĂ€den irgendwo unterbringen. Ich denke aber, daß das bei diesem Muster möglicherweise so gewollt ist, vor allem dann, wenn das Muster in seiner Bedeutung wirklich etwas mit den Sara-Mustern aus San Ignacio de Loyola in Peru gemeinsam hat. 

FĂŒr Neugierige sind hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:

(1) Annemarie Seiler-Baldinger: Systematik der Textilen Techniken, Baseler BeitrÀge zur Ethnologie, Basel 1991; S. 108-110

(2) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving; Thames and Hudson, London 2015; S. 155 – 165

(3) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: Lazos Forestales: Técnicas y diseños de los tirantes de bolsas personales de Mojocoya; Universidad Mayor de San Simón Cochabamba, Arqueoantropológicas Año 3, 2013; S. 59-92

(4) Ann Pollard Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes, The Textile Museum Washington D.C., 1977; S. 104-105

(5) Nilda Callañaupa Alvarez: Textile Tradition of Chinchero: A living Heritage, Centro de Textiles Tradicionales del Cusco 2012; S. 105

(6) Penelope Dransart: A highland textile tradition from the far south of Peru during the period of Inka domination, in: PreColumbian Textile Conference VIII / Jornadas de Textiles PreColombinos VIII, 2020

Intermesh in drei Farben

Hat das schon einmal jemand versucht? Sieht aus wie eine verrĂŒckte Idee! Und was ist eigentlich Intermesh?

Intermesh ist neben dem bekannteren  „pebble weave“ die zweite weit verbreitete komplementĂ€re Mustertechnik im Andenraum und auch im Tiefland von Bolivien und Paraguay. In den Reihen mit Bindepunkten wechseln sich bei Intermesh helle und dunkle FĂ€den ab, die Muster entstehen durch Flottierungen einer Farbe ĂŒber 3 Reihen, scharf abgegrenzte Diagonalen gibt es bei reinem Intermesh nicht. Bei pebble weave liegen in den Bindepunktreihen zwei helle und zwei dunkle FĂ€den nebeneinander, Diagonalen entstehen durch Flottierungen ĂŒber 2 Reihen, MusterflĂ€chen duch Flottierungen ĂŒber 3 Reihen. 

Intermesh – Grundgewebe dunkler und heller Hintergrund; Umzeichnung nach (6)

Eine sehr gute Beschreibung mit vielen Fotos, wie man zweifarbiges Intermesh webt, gibt es in (4). 

In der englischsprachigen Literatur findet man fĂŒr diese zwei Webarten folgende Bezeichnungen, die sich auf die Struktur des Gewebes beziehen:

Pebble Weave: complementary warp weave with 3-span floats aligned in alternate pairs (diagonals of 2-span floats)

Intermesh: complementary warp weave with 3-span floats in alternating alignment

Laverne Waddingtons Blogbeitrag ĂŒber die mit einer Sanduhrverschlingung nadelgebundenen Textilien der Ayoreo (hier), in dem sie beschreibt, wie sie ein Muster der Ayoreo mit der Intermesh-Technik zweifarbig webt, hat meine Neugier geweckt. Das von ihr verwendete Muster hat im Original drei Farben und brachte mich auf die Idee, ob dieses ebenfalls mit Intermesh möglich ist. 

Abbildung einer Tasche von der Website (5) mit einem Muster Àhnlich dem von Laverne gewebten

Die Überlegung dabei war, wenn KomplementĂ€rgewebe mit der ZĂ€hlweise 2/2 fĂŒr die Bindepunkte dreifarbig einseitig und auch doppelseitig gewebt werden kann, warum sollte das mit Intermesh 1/1 nicht gehen. In Adele Cahlanders BĂŒchern (1 und 2)  steht darĂŒber nichts, also ausprobieren. Da war noch was: in einem Buch von Nilda Callañaupa (3) sind BĂ€nder abgebildet, die auf den ersten Blick wie Intermesh aussehen und wo die Hintergrundfarben blockweise wechseln. Aber dazu spĂ€ter.

Webbrief fĂŒr ein dreifarbiges Intermesh-Muster, nur die Musterreihen sind dargestellt (siehe auch hier)

Intermesh ist eine Technik, die ich zum Musterweben wegen der flattrigen Konturen nicht so mag. FĂŒr die Nachbildung der Ayoreo-Muster ist das aber genau das Richtige, weil dort durch die ineinander verschlungenen Knoten auch keine ganz geraden Farbabgrenzungen entstehen. 

FĂŒr das Experiment habe ich eine Kette mit 40 MusterfĂ€den geschĂ€rt, Einzug und FĂ€cher in Litzen sind auf dem Bild unten dargestellt. Die Farben sind separiert und haben jede einen Litzenstab. Die Mesh-FĂ€cher 1 und 2 laufen ĂŒber einen Kreuzstab und einen Litzenstab. 

Intermesh weben geht mit zwei Farben ziemlich schnell, da nur jede zweite Reihe eingelesen werden muß. Mesh 1, Musterreihe komplementĂ€r einlesen, Mesh 2, Musterreihe komplementĂ€r einlesen, Mesh 1 … usw.

Mit drei Farben wird es schon kniffliger. Bei den Musterreihen habe ich immer erst mit nur zwei Farben ein Fadenkreuz gebildet, eingelesen und dann mit dem gerade eingelesenen Fach und der dritten Farbe ein neues Fadenkreuz gebildet und die dritte Farbe eingelesen. Wenn man die Mesh-Reihen so webt, wie sie eingezogen sind und nur die Musterreihe dreifarbig einliest, ist das Muster nur auf einer Seite zu sehen, die RĂŒckseite ist meliert. Diese Vorgehensweise ist dieselbe wie beim einseitigen dreifarbigen  „pebble weave“, Band 15 in (1). 


Pebble Weave kann man doppelseitig in drei Farben weben, sollte das bei Intermesh ebenfalls gehen? Mit FarbflĂ€chen geht es auf jeden Fall, ist aber sehr zeitaufwendig. Wie bei dreifarbigem doppelseitigen Pebble Weave braucht man einen zweiten Schußfaden. Bei komplexen Mustern und stĂ€ndigem Farbwechsel in der Reihe wie z.B. Ă€hnlich den Q’ero-Mustern, ist der Aufwand unverhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hoch, hier ist ein richtiges Doppelgewebe die bessere Wahl.  

In diesem PDF habe ich meine „GedĂ€chtnisstĂŒtze“ fĂŒr das doppelseitige Dreifarbengewebe aufgeschrieben, das ist aber keine Anleitung, nur ein Merkzettel. Wer mit Doppelgewebe vertraut ist, wird ihn verstehen können. 

Nicht alles, was auf den ersten Blick wie Intermesh aussieht, ist wirklich diese Technik. Dieser GĂŒrtel aus Guatemala z.B. ist völlig anders gewebt. 

GĂŒrtel aus Guatemala, TotonicapĂĄn-Technik (7)


Auch Muster aus Peru, die in (3), Seite 125 abgebildet sind, scheinen bei flĂŒchtigem Hinsehen eine Art Intermesh zu sein, sind aber eine Variante der in einem vorigen Post (hier) beschriebenen Technik der gestuften Diagonalen mit Farbwechsel im Block. Allerdings werden die Diagonalen nicht aus Fadenpaaren, sondern aus EinzelfĂ€den gebildet.

dreifarbiges Muster aus Peru mit einzelnen gestuften Diagonalen
Webbrief zum Muster oben


Eine Beschreibung dieser Technik habe ich nicht finden können und es war noch ein StĂŒck Kette von den Intermesh-Experimenten ĂŒbrig. Mit Hilfe der drei LitzenstĂ€be fĂŒr die Einzelfarben war schnell ein neues Fadenkreuz erstellt und ich konnte probieren, ob die dreifarbige Technik der gestuften Diagonalen in Paaren auch mit EinzelfĂ€den funktioniert. Das geht sehr gut, das ProbestĂŒck hat kleine Fehler im Muster, da ich die Bindepunkte bei langen Flottierungen ein bißchen „frei Schnauze“ beim Weben gesetzt habe. 

Freut mich, daß diese Experimente funktioniert haben, wieder was gelernt!

Und was ich in diesem Zusammenhang noch loswerden will:

Ich möchte mich ganz herzlich bei Laverne Waddington bedanken, daß sie mir durch ihre BĂŒcher und ihren Blog die Grundlagen dieses Handwerks beigebracht hat. Durch diesen Unterricht habe ich nicht nur das nötige Handwerkszeug gelernt, sondern auch die Motivation bekommen, weiterzulernen und mich zu verbessern. Solche Lehrer, die Leidenschaft und Wissen so vermitteln, daß man Feuer fĂ€ngt, schĂ€tze ich unendlich! 

Hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:

(1) A. Cahlander: The Art of Bolivian Highland weaving

(2) A. Cahlander: Double-woven Treasures from Old Peru

(3) Nilda Callañaupa Alvarez: Tradiciones Textiles de Chinchero, Herencia viva; Seite 125

(4) Laverne Waddington: More Adventures with Warp-Faced Pick-up Patterns; Patternfish 2016

(5) Screenshot von tienda.fapi.org.py/ ; Tienda de ArtesanĂ­as del Pueblo Ayoreo Totobiegosode

(6) Ann P. Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes

(7) Marijke van Epen: PATRONEN WERKSCHRIFT Teil 9 TOTONICAPÁN BANDEN

Weben mit gekreuzten KettfĂ€den – crossed warp weave – KursankĂŒndigung

Diese Technik der Musterbildung ist in Europa nahezu unbekannt. Hier kreuzt man zwar auch KettfĂ€den, z.B. am Webstuhl, um eine Dreherbindung zu bekommen, das Ergebnis ist aber mehr Struktur als Muster. In Peru und Bolivien webt man ohne besondere Hilfsmittel mit dieser Technik BĂ€nder fĂŒr verschiedene Zwecke. Es ist eine der ersten Webtechniken, die Kinder dort erlernen.

Am 18. und 19 Januar 2025 möchte ich diese Technik in einem Webkurs im Museum „Die Weberei“ in Oederan vermitteln. Hier kann das Anmeldeformular und Kursprogramm heruntergeladen werden. Außerdem werde ich am 1. MĂ€rz 2025 diesen Kurs noch einmal in der Webschule Großschönau (hier) halten. Neben der Vermittlung der Technik gibt es im Kurs auch eine umfangreiche deutschsprachige Anleitung fĂŒr die Teilnehmer.

Das sehr schöne Anleitungsbuch von Marieke Kranenburg aus den Niederlanden, das es bei Etsy auf NiederlĂ€ndisch und Englisch gibt, hat mich ein bißchen zum Spielen mit dieser Webtechnik gebracht. Die Muster, die in diesem Buch vorgestellt wurden, haben mich sehr an „Pebble Weave“, also an KomplementĂ€rmuster, erinnert. Voraussetzung zum Umsetzen dieser Muster in die Technik mit gekreuzten KettfĂ€den ist, daß die Muster an der Horizontalen gespiegelt sind.

Da ich in einem Post die Muster aus Q’ero beschrieben hatte, kam ich auf den Gedanken, diese streng symmetrischen Muster als crossed-warp zu weben. KomplementĂ€r sind sie dann nur noch in der Richtung der Kettfadenkreuzungen, was zu interessanten Effekten auf der Unterseite fĂŒhrt.

Das Band oben zeigt, fĂŒr die Technik der gekreuzten KettfĂ€den stark vereinfacht, die Q’ero-Motive fĂŒr Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Das Motiv fĂŒr die Sonne am Mittag, was aus einer HĂ€lfte Sonnenaufgang und einer Sonnenuntergang besteht, kann man mit der Technik der gekreuzten KettfĂ€den so nicht weben.

Aber ein Ă€hnliches Muster, welches auch die Sonne am Mittag zeigt, geht, das Hatun-Inti-Motiv aus der Palma y Ramos Technik. Dieses enthĂ€lt im Original horizontale Linien, die mit gekreuzten KettfĂ€den nicht möglich sind. Also wird das Muster vereinfacht und auf die geringere Kettfadenzahl angepaßt.

Um so ein komplexes Muster zu weben, muß man Reihen auf StĂ€bchen ablegen, in diesem Fall zehn StĂŒck. Man braucht also Platz, bis ans Ende einer Kette schafft man es mit diesen Mustern nicht.

Das Band oben ist aus handgesponnener Wolle und mit Pflanzen sowie Cochenille gefĂ€rbt. Trotz der festen Verzwirnung mußte ich beim Weben sehr aufpassen, um nicht die KettfĂ€den zu ruinieren. Wenn man die Verflechtungen von den StĂ€bchen in Richtung der Weblinie bekommen möchte, nimmt man bei Wolle am besten jedes obenliegende Fadenpaar einzeln in beide HĂ€nde und zieht es nach oben, auseinander und zu sich hin. Damit verhaken sich die miteinander verdrehten KettfĂ€den beim Öffnen des Fachs nicht so. Bei glatter Baumwolle reicht es, das StĂ€bchen langsam zur Weblinie zu ziehen.

Bei den hier gezeigten BĂ€ndern wurden die FĂ€den in Vierergruppen (zwei Fadenpaare) miteinander verflochten. Es gibt aber noch eine Technik fĂŒr das Verflechten von jeweils sechs FĂ€den, die Adele Cahlander 1978 in ihrem Artikel „Bolivian Tubular Edging and Crossed Warp Techniques“ als Einfassung fĂŒr grĂ¶ĂŸere WebstĂŒcke, Ă€hnlich einem ñawi awapa, aber als flaches Band, beschrieben hat. Diese möchte ich in einem nĂ€chsten Post beschreiben und eine Anleitung dafĂŒr geben.

Neugierig geworden? Hier sind noch ein paar Sachen zum Weiterlesen und Anschauen:

(1) Adele Cahlander, Marjorie Cason, Ann Houston: Bolivian Tubular Edging and Crossed-Warp Techniques; The Weavers Journal, Boulder, Colorado; 1978

(2) Marijke van Epen: Bandjes in kettingkruisen in Handwerk zonder Grenzen Nr. 2; 1995

(3) Marieke Kranenburg: Crossed warp technique on the inkle loom; PDF auf Etsy; August 2022

(4) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving Structures and Techniques of Warp-faced Weaves; Thames & Hudson, London 2015

(5) https://www.fascinatingbraids.com/crossedwarp.html mit Anleitung (englisch) und Video

(6) https://www.bandweefblog.nl/2022/vinkje/  mit Link zum Etsy-Shop fĂŒr (3)

Palma y Ramos

Palme und Zweige – das erinnert doch zuerst an den Palmsonntag (spanisch: domingo de ramos) und nicht an eine Webtechnik. Aber so heißt eine Mustertechnik aus Peru, bei der die FĂ€den fĂŒr ein zweifarbiges KomplementĂ€rgewebe auf eine spezielle Art und Weise eingezogen werden.

Das erste Mal fielen mir die Muster in einem Buch von Nilda Callañaupa Alvarez (2) auf. Dort ist nur ein Teil eines Musters abgebildet, aber die klare LinienfĂŒhrung und RegelmĂ€ĂŸigkeit im Aufbau sowie die augenscheinlich sehr hohe Fadenzahl haben mich neugierig gemacht. Verwirrend war allerdings die Schreibweise in dem Buch: „Palmay Ramos“, dafĂŒr gab es keine richtige Übersetzung, weder auf Spanisch noch Quechua. Also ein bißchen suchen, im Internet wurde ich schnell fĂŒndig, in der Zeitschrift Andina aus Peru gab es einen Artikel ĂŒber die Aufnahme der traditionellen Webtechniken aus Pitumarca in das Nationale Kulturerbe Perus.

Aus dem Artikel in (3): Otra técnica es la de palma y ramos, cuyo nombre deriva de que el tejido resultante sea usado en la Pascua. Esta técnica es urdida con dos o tres colores de hilos dispuestos en cinco pares por fila, dando un total desde 25 hasta mås de 150 pares, incluyendo hasta dos tramas. La técnica se caracteriza por contener el motivo del hatun inti o sol de soles, en referencia a la figura del Inca, empleada desde la época colonial.

Übersetzung: Eine andere Technik ist Palma y Ramos, deren Name von der Tatsache herrĂŒhrt, dass das entsprechende Gewebe zu Ostern verwendet wird. Bei dieser Technik werden zwei- oder dreifarbige FĂ€den in fĂŒnf Paaren pro Gruppe gewebt, was insgesamt 25 bis mehr als 150 Paare ergibt, einschließlich bis zu zwei SchussfĂ€den. Die Technik zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Motiv des Hatun Inti oder der Großen Sonne enthĂ€lt, in Anlehnung an die seit der Kolonialzeit verwendete Figur des Inka.

Das war spannend, eigentlich weben nur die Menschen aus Q’ero große Sonnenmotive, dachte ich bisher. Pitumarca ist ca. 60 km Luftlinie entfernt von Q’ero, dazwischen liegt ein hoher Gebirgsabschnitt. Noch interessanter war, daß offensichtlich der Einzug der FĂ€den bei den dreifarbigen Geweben aus Q’ero dem der zweifarbigen Palma-y-Ramos-Gewebe aus Pitumarca entspricht. Das nĂ€mlich, im Gegensatz zu obigem Zitat, die KomplementĂ€rpaare alle vier FĂ€den die Farbe wechseln.

Mir fiel da etwas ein: irgendwo hatte ich die zweifarbigen Sonnenmotive schon einmal gesehen. Im Buch „Hidden Threads of Peru“ auf Seite 28 ist eine Lliklla (Manta) mit diesen Motiven abgebildet, die aus aus Ch’ilka, einem heutigen Ortsteil von Pitumarca stammt.

Lliklla aus Ch’ilka, wie Abb. 1.6 aus (1); befindet sich im Textile Museum in Washington

Ann P. Rowe schreibt dazu: „Some distance southeast of the Q’ero cultural area is another zone of glaciated mountains including the impressive Mt. Ausangate, and on the other side of this is another cultural area, centering on the village of Ch’ilka. Despite the mountains barrier, people from Ch’ilka come to Q’ero at the time of the maize harvest to exchange alpaca and llama meat and fiber for maize (Fig. 1.6). The village of Pitumarca, at a lower elevation to the west of Ch’ilka, has a close relationship with Ch’ilka …

Etwas sĂŒdöstlich des kulturellen Einflußgebietes von Q’ero befindet sich eine weitere Zone vergletscherter Berge, darunter der beeindruckende Berg Ausangate, und auf der anderen Seite davon befindet sich ein weiteres kulturelles Gebiet, dessen Mittelpunkt das Dorf Ch’ilka ist. Trotz der Hochgebirgsbarriere kommen Menschen aus Ch’ilka zur Zeit der Maisernte nach Q’ero, um Fleisch und Wolle von Alpakas und Lamas gegen Mais einzutauschen (Abb. 1.6). Das Dorf Pitumarca, tiefer gelegen und westlich von Ch’ilka, hat eine enge Beziehung zu Ch’ilka, …“

Ch’ilka, auch Chillka oder Chillca geschrieben, gehört heute zu Pitumarca. Da war sie also, die textile Verbindung zwischen Q’ero und Pitumarca, neben dem regelmĂ€ĂŸigen Austausch von Lebensmitteln zwischen den Orten erfolgte sicher auch ein Austausch textiler Kenntnisse. Die heutigen Weber von Pitumarca scheinen die Palma-y-Ramos-Technik in ihr Repertoire textiler Techniken aufgenommen zu haben, und zwar so gut, daß die Technik im Verzeichnis des nationalen Kulturerbes erscheint.

Es gibt nur sehr wenige Bilder solcher Textilien im Internet, scheinbar ist das Interesse daran nicht sehr groß oder es gibt – im Gegensatz zu anderen in Pitumarca verwendeten Techniken – keinen Markt dafĂŒr, aus welchen GrĂŒnden auch immer.

Einige Bilder mit dieser Technik findet man auf dem Instagram-Account von Alepio Melo, einem sehr engagierten und talentierten jungen Weber aus Pitumarca. Ich hoffe, Herr Melo nimmt es mir nicht ĂŒbel, wenn ich hier ein Bild seiner Arbeit zeige:

Abby Franquemont aus den USA, die ihre Kindheit als Tochter von Ethnografen in Chinchero in der NĂ€he von Cusco verbracht hat und dort die traditionelle Weberei lernte, schrieb 2008 ĂŒber Palma y Ramos, das diese Technik von den wenigen Weberinnen, die das damals konnten, als schwierig angesehen wurde und kommentierte selbst: „…And Palmay Ramos is weaverÂŽs madness…“

Naja, bezogen auf die hohen Fadenzahlen der Muster ist das schon der Wahnsinn, Alepio Melos Tuch oben hat ĂŒber 300 MusterfĂ€den. Ganz so schwierig wie es scheint, ist das Weben aber nicht, die Erfinder waren jedoch unglaublich clever, was den Musterentwurf angeht. Fangen wir mal an!

In meinem vorigen Post habe ich die Mustertechnik aus Q’ero beschrieben, mit dem ungewöhnlichen Einzug der KomplementĂ€rpaare, hier nochmal zur Erinnerung:

Die Muster aus Q’ero sind dreifarbig, die Palma-y -Ramos-Muster haben nur zwei Farben. Eingezogen werden sie so:

Die Anzahl der Vierergruppen ist beliebig, je nach GrĂ¶ĂŸe des Musters. In meinem gewebten Beispiel der Muster von der Lliklla aus dem Textile Museum sind es 104 MusterfĂ€den. Ein Webbrief sieht so aus:

Es fĂ€llt auf, daß sich die bereits in Litzen- und Rollenfach eingezogenen Musterreihen auch regelmĂ€ĂŸig im Webbrief wiederfinden. Bei den Mustern aus Q’ero war das genauso, diese waren so entworfen, daß man alle drei Reihen das Fach weben kann wie es erscheint und nicht einlesen muß. Bei Palma y Ramos muß man nur jede zweite Reihe einlesen, kann aber, wenn man zum Muster noch RandfĂ€den in Leinenbindung hinzufĂŒgt, nur ein Fach und das alle vier Reihen weben, wie es erscheint. Hier eine Übersicht mit einem Musterausschnitt, wie man das machen muß:

Musterbereich und Randbereich werden beim Weben unterschiedlich behandelt, um zu erreichen, daß die in einfacher Leinenbindung in Litzen und Rolle eingezogenen RandfĂ€den in der richtigen Reihenfolge abbinden.

Da die Muster ziemlich gleichförmig aufgebaut sind, kann man, wenn man die Technik einmal verstanden hat, nur nach dem Foto eines Musters weben, wie ich es hier getan habe.

Da eine geschriebene ErklĂ€rung zu dieser Webart nur zu Verwirrung (weaverÂŽs madness) fĂŒhren wĂŒrde, habe ich zwei Videos mit erklĂ€renden Texten (deutsch und englisch) gemacht, wo man sich das Weben ausfĂŒhrlich ansehen kann. Das Einlesen der Muster direkt an der Weblinie erscheint auf den ersten Blick schwierig, wird aber durch die wechselnden Farben der KomplementĂ€rpaare sehr unterstĂŒtzt. Die Videos sind lang, da sie das komplette Einlesen zweier Musterreihen zeigen, aber ich denke, Geduld und Konzentration sind die Grundvoraussetzungen, um das ĂŒberhaupt weben zu können.

Bei Problemen mit der Wiedergabe der Videos bitte die Links benutzen!

Link zum deutschsprachigen Video

For English speaking weavers, please use this link

FĂŒr Hinweise von meinen Lesern, wo es noch mehr Bilder dieser Technik gibt oder sogar eine Beschreibung oder Videos, wie genau die Weber in Peru das machen, wĂ€re ich sehr dankbar!

Kleiner Nachtrag:

Das gewebte StĂŒck Stoff habe ich in ein Kleid aus Wollwalk genĂ€ht.

Hier ist noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

(2) Nilda Callañaupa Alvarez: Secrets of Spinning, Weaving and Knitting in the Peruvian Highlands

(3) andina.pe; 09.05.2018: Conocimientos del tejido tradicional de Pitumarca son Patrimonio Cultural de la NaciĂłn

Versteckte FĂ€den – drei Farben, zwei FĂ€cher Teil 2

Always the Sun – dieses Lied von den Stranglers kommt einem in den Sinn, wenn man das erste Mal die geradezu plakativen Sonnenmotive auf den zeremoniellen Ponchos aus Q’ero sieht. 

Q’ero liegt im Andenhochland Perus, etwa 80 km Luftlinie nordöstlich von Cusco nahe der Kleinstadt Ocongate. 

Durch seine abgeschiedene Lage haben sich ĂŒberlieferte Webtechniken und die Verwendung traditioneller Bekleidung dort lĂ€nger gehalten, als in seiner weiteren Umgebung. 

Bewohner von Q’ero werden wegen ihrer Kleidung von den Menschen der benachbarten Orte sofort als solche erkannt, da die Muster sich deutlich von allen andern in Peru verwendeten Webarten unterscheiden. 

Eine Besonderheit der Muster aus Q’ero ist, daß bei Dreifarbengeweben mit gestuften Diagonalen alle drei Farben in einer Reihe des Musters verwendet werden. 

NatĂŒrlich wird nicht nur die Darstellung der Sonne gewebt, die Motive der Muster sind vielfĂ€ltiger. Ein hĂ€ufig verwendetes Muster heißt Chunchu, auf Quechua ist das eine respektlose Bezeichnung fĂŒr einen Bewohner des (Amazonas-)Tieflandes. Bei uns wĂŒrde man vielleicht sagen: „Wilder Mann“ und es wĂŒrde fĂŒr Unzivilisiertheit und Barbarentum stehen. So ist das bei diesem Motiv aus Q’ero aber nicht gemeint, das Motiv symbolisiert den letzten Inka, der laut einer ErzĂ€hlung der Menschen aus Q’ero irgendwann zurĂŒckkehrt und die Indigenas von den Eroberern befreit. Der Inka wird als Mann mit Federkrone dargestellt oder als Kopf mit Federkrone, aus dem Wurzeln sprießen. Ein Zusammenhang mit Götterdarstellungen der vorspanischen Zeit ist vielleicht möglich. Die heute verwendeten Chunchu-Muster sind stark abstrahiert und bestehen nur noch aus den Elementen der Federkrone. Eine ausfĂŒhrliche Beschreibung der Muster aus Q’ero und ihre Bedeutung findet man in (1).

Die Chunchu-Muster können mit dem selben Einzug gewebt werden, wie in Teil 1 dieses Beitrags beschrieben wurde, also ein Fach mit der hellen Grundfarbe und ein Fach mit beiden Musterfarben parallel. Alle drei Farben werden in einer Reihe gleichzeitig verwendet. Webbrief und Webregeln entsprechen der Beschreibung aus dem vorherigen Post. Man muß hier vor allem beim Aufnehmen der Musterfarbe zusĂ€tzlich zur hellen Grundfarbe mehr aufpassen, welche Farbe auf der Unterseite ist. . Einen Webbrief fĂŒr ein Muster mit 48 FĂ€den zeigt folgendes Bild:

Sind die Chunchu-Motive allerdings so abstrakt wie auf dem oben gezeigten Bild des Flötenspielers und bestehen fast nur noch aus Diagonalen, kann man auch den nachfolgend beschriebenen Einzug fĂŒr die Inti-Motive verwenden. 

Die fĂŒr Q’ero charakteristischen Sonnenmotive sind deutlich anspruchsvoller in der Webtechnik als der Chunchu. Durch die in jeder Reihe verwendeten drei Farben und durch die spezielle Struktur der Muster gibt keine feste Regel mehr, in welcher Reihe man z.B. bei den Musterfarben einen Faden oder alle beide aufnimmt. Ann Pollard Rowe hat in ihrem Buch „Hidden Threads of Peru“ (2) eine Zeichnung (Fig. 3.18) veröffentlicht, die die Struktur eines Ausschnitts der Q’ero-Gewebe zeigt. Ich habe diese Struktur umgezeichnet und den Webbrief daneben gelegt. 

Es ist gut zu sehen, daß sich die gerade nicht gebrauchte Farbe wie bei der in Teil 1 beschriebenen Webart unter den Flottierungen der Motivfarbe versteckt. Das erreicht man, indem man wie bei den Mustern mit blockweisem Farbwechsel die Farbe, die nicht auf der Unterseite des Gewebes erscheinen soll, zusammen mit dem Faden der Grundfarbe aufnimmt, in der Regel in der Mitte einer Dreierflottierung. Bildet eine Musterfarbe auf der Oberseite Dreierflottierungen, wird die nicht gebrauchte Musterfarbe an den beiden Enden der Flottierung nach oben geholt. Das ist zunĂ€chst einmal genau dasselbe wie beim blockweisen Farbwechsel, nur passiert das eben nach Bedarf und nicht im regelmĂ€ĂŸigen Rhythmus alle zwei Reihen. 

Um mir das Weben zu erleichtern, habe ich in den Webbriefen dargestellt, wie die FĂ€den der Muster- oder Grundfarbe jeweils zu behandeln sind. Die farbigen KĂ€stchen haben Markierungen, Ă€hnlich wie die Reihen mit dem horizontalen Strich in den Webbriefen aus dem vorherigen Beitrag. 

Man sieht, daß nicht nur die Art zu weben besonders ist, auch der Einzug der FĂ€den in die zwei FĂ€cher unterscheidet sich von den Geweben mit blockweisem Farbwechsel. Es werden immer vier Fadentripel hell / 2 Musterfarben (an Anfang und Ende 2) eingezogen, dann wechseln die Musterfarben und die Grundfarbe das Fach, wieder fĂŒr 4 Tripel usw. 

Dieses Bild zeigt die leinenbindigen Abschlußreihen eines Tuches mit vier festen Kanten, man sieht gut, wie die FĂ€den in den zwei FĂ€chern zueinander liegen. Auf einen Versatz der Reihen zueinander hat die Weberin hier verzichtet:

Der Grund fĂŒr diesen Einzug ist der Aufbau der Muster, hier mal ein vollstĂ€ndiger Webbrief und das entsprechende Gewebe daneben:

In diesem Fall hier sind die gestuften Diagonalen als Paare ausgefĂŒhrt, die Muster sind so aufgebaut, daß man alle drei Reihen die Reihe so weben kann, wie sie in das entsprechende Fach eingezogen ist. Das spart viel Zeit, da in diesen Reihen nicht eingelesen werden muß. Bei mehreren hundert MusterfĂ€den pro Reihe in einem Poncho kommt da einiges zusammen. 

Mit diesem Einzug kann man aber noch mehr machen, zum Beispiel farblich komplementÀre Muster abwechselnd hintereinander weben:

Die letzte Reihe in einem Muster ist hier eine, in der man nichts einlesen muß. Nach dem Fachwechsel beginnt man das farblich komplemetĂ€re Muster wieder mit einer solchen Reihe. Damit umgeht man elegant die Bildung zu langer Flottierungen beim Musterwechsel.

Die Diagonalen im Muster kann man feiner weben, wenn sie nicht als Paare, sondern einzeln ausgefĂŒhrt werden. Die Umzeichnung ist von einer Abbildung aus (2). Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einer Lliklla, die sich im Bestand des Textile Museum Washington befindet: 

Den Einzug muß man dann entsprechend Ă€ndern, also nicht 4 Tripel immer abwechselnd einziehen, sondern nur zwei, an Anfang und Ende nur einen. Das erinnert etwas an die Grundmusterreihen bei Pebble-weave, nur eben mit drei Farben. Auch hier kann man sich alle 3 Reihen das Einlesen des Musters ersparen. 

Bis jetzt gab es bei den Sonnenmustern klare VerhĂ€ltnisse, das Motiv in der Mitte hat eine andere Musterfarbe als die Diagonalen außen herum. Diese Muster zeigen den Sonnenaufgang (weiße Grundfarbe bildet den Rahmen um das mittlere Motiv und strebt nach außen) oder den Sonnenuntergang (Grund- und Musterfarbe sind vertauscht). Möchten die Q’eros Hatun Inti, die Sonne am Mittag, darstellen, wird das Motiv in der Mitte geteilt. Die rechte Seite besteht aus dem Motiv Sonnenaufgang, die linke zeigt den Sonnenuntergang. Nicht nur die Farben sind in jeder HĂ€lfte anders, auch Grund- und Musterfarbe sind vertauscht. Wer mehr ĂŒber die Verwendung und Bedeutung der Sonnenmotive erfahren möchte, sie sind ausfĂŒhrlich im Buch (1) „A Woven Book of Knowledge“ von Gail Silverman beschrieben. 

Bei diesem Motiv kann man nicht mehr jede dritte Reihe so weben, wie sie eingezogen wurde. In einer HĂ€lfte des Motivs muß man statt der aktuellen Farbe die dazu komplementĂ€re Farbe aus dem jeweils anderen Fach einlesen. Mit einem Einlesekreuz geht das aber sehr schnell. Die Weberinnen aus Q’ero benutzen kein Einlesekreuz, es ist auch nicht unbedingt notwendig. Durch die alle zwei oder vier FĂ€den wechselnden Farben im gerade geöffneten Fach sieht man die KomplementĂ€rpartner zum Einlesen ziemlich gut auch so. Wenn man selber Gewebe herstellen will, die vier feste Seiten haben, die Kette also vollstĂ€ndig ausgenutzt wird, sollte man das Einlesen ohne Kreuz öfter mal ĂŒben, um ein Muster auch bei wenig Platz zum Einlesen aufnehmen zu können.  

Der Sonnenaufgang liegt beim Blick auf das Muster vom Betrachter aus gesehen rechts . Verkehrt herum, könnte man aus unserer Sicht hier in Europa meinen, ist aber nicht so. Q’ero liegt sĂŒdlich des Äquators, die Sonne steht im dortigen Winterhalbjahr mittags im Norden, im Sommerhalbjahr im SĂŒden. Das folgende Bild zeigt den Sonnenstand im April am frĂŒhen Morgen in Cusco. 

Was Darstellungen der Sonne manchmal mit Palmen zu tun haben und wie die EinzĂŒge fĂŒr die Q’ero-Muster auf einmal wo ganz anders auftauchen möchte ich dann im nĂ€chsten Beitrag erlĂ€utern.

Hier noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Gail Silverman: A Woven Book of Knowledge – Textile Iconography of Cuzco, Peru

(2) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

(3) Uwe Carlson, Heiko Diestel: Erde, Wasser, Mensch und Götter – Leitsymbole in textilen Meisterwerken des alten Peru

Versteckte FĂ€den – drei Farben, zwei FĂ€cher Teil 1

Zugegeben, der Titel ist teilweise gemaust. „Hidden Threads of Peru“ heißt ein Buch von Ann Pollard Rowe und John Cohen (3), das sich mit den Textilien der abgelegenen Andengemeinde Q’ero in Peru beschĂ€ftigt. Die Autoren beziehen sich bei dem Titel ausdrĂŒcklich auf ein Merkmal der Mustertechnik aus Q’ero: nicht fĂŒr das Muster gebrauchte FĂ€den werden unter Flottierungen versteckt. 

Es gibt in den Anden einige doppelseitige Mustertechniken mit drei Farben, die auf dem selben Prinzip beruhen wie die Gewebe aus Q’ero, allerdings werden bei diesen pro Reihe nicht alle drei Farben gleichzeitig verwendet, sondern nur zwei davon. Die dritte Farbe erscheint als Grundfarbe auf der RĂŒckseite. 

Ein Band mit solchen Mustern webe ich gerade:

Die dreifarbige einseitige Webart „pebble-weave“, die von den Inkas verwendet wurde, beruht auf einem Ă€hnlichen Prinzip wie die weiter unten beschriebene Technik, kann jedoch alle drei Farben in einer Reihe verwenden und soll hier nicht betrachtet werden. (1)

Tasche aus Pachacamac, Inka

Schon 1976 hat Adele Cahlander in ihrem Anleitungsbuch fĂŒr Webtechniken aus SĂŒdamerika ((1), Band 4 zweifarbig und Band 20 dreifarbig) das Prinzip der gestuften Diagonalen beschrieben, mit dem sich komplementĂ€re dreifarbige Muster mit nur 2 SchĂ€ften doppelseitig weben lassen. Diagonale Linien im Muster werden dabei nicht wie bei pebble-weave durch den einfachen Versatz von zwei nebeneinander liegenden FĂ€den derselben Farbe gebildet, sondern durch das Versetzen von ĂŒber drei Reihen flottierenden Fadenpaaren einer Farbe. Klingt erst einmal kompliziert, ist es aber nicht, so sieht das aus:

Ann Pollard Rowe hat 1977 in ihrem Buch „Warp-Patterned Weaves of the Andes“ (2) eine Darstellung des Fadenlaufs der dreifarbigen Muster mit gestuften Diagonalen veröffentlicht, auf der zu sehen ist, wie die bei blauen Flottierungen gerade nicht gebrauchte dritte Farbe (hier rot) in jeder Reihe mit abgebunden wird. Damit „versteckt“ sich die im Beispiel nicht gebrauchte rote Farbe unter den Flottierungen von blau, sie bildet die Grundfarbe auf der RĂŒckseite des Gewebes.

Umzeichnung der Darstellung aus (2) mit daneben liegendem Webbrief

In Peru, speziell in der weiteren Umgebung von Cusco, gibt es zahlreiche Motive mit drei Farben, die in dieser Technik gewebt werden. Sie sind eine Erfindung der neueren Zeit. Belege dafĂŒr, daß diese Technik schon in vorspanischer Zeit gewebt wurde, sind nicht vorhanden. Die Musterfarben wechseln blockweise, werden also nicht beide in einer Reihe verwendet. Das gilt auch dann, wenn das Muster revers gewebt wird, also Grund- und Musterfarbe vertauscht werden.

Wenn man das Weben dieser dreifarbigenMuster erlernen möchte, sollte man solide Kenntnisse in den zweifarbigen KomplementÀrtechniken haben, pebble-weave oder etwas gleichartiges also problemlos weben können.

Der Einzug fĂŒr die zweischĂ€ftigen  Muster mit gestuften Diagonalen ist folgender: 

In einem Fach sind die EinzelfĂ€den der Grundfarbe, im anderen Fach die Paare der FĂ€den fĂŒr das Muster. Welches Fach man beim GurtwebgerĂ€t in die Litzen einzieht und welches ĂŒber die Rolle lĂ€uft, hĂ€ngt von den Vorlieben der Weberin ab, es gibt keine feste Regel. Möchte man allerdings bei grĂ¶ĂŸeren Mustern und zahlreichen Horizontalen in einer Musterfarbe  die Paare noch einmal mit Litzen trennen, ist es besser, wenn das Fach mit den Musterfarben ĂŒber die Rolle lĂ€uft. 

Jeweils ein Faden der Grundfarbe (hier grau) ist komplementĂ€r mit einem Fadenpaar der Musterfarben (hier blau und rot), entsprechend werden die Muster wie bei anderen solchen Techniken (z.B. pebble-weave) nach Webbrief eingelesen. 

FĂŒr das Weben mit gestuften Diagonalen in drei Farben gibt es spezielle Webbriefe, da die Technik des Einlesens nur alle zwei Reihen gleich ist. Hier ein Beispiel mit 34 MusterfĂ€den:

Den Webbrief liest man so:

Reihen mit horizontaler Linie – Musterfarbenpaare oben

– egal welche Farbe das Muster im Webbrief hat, die Musterfarbe wird als Paar aufgenommen

– nimmt man eine Grundfarbe von unten auf, lĂ€ĂŸt man dafĂŒr nur den im Muster nicht verwendeten Farbfaden fallen, der Faden in der aktuellen Musterfarbe des Blocks bleibt zusammen mit dem heraufgeholten Faden der Grundfarbe oben

Reihen ohne horizontale Linie – Grundfarbe oben

– die Grundfarbe wird aufgenommen, wie sie erscheint

– die Musterfarbe wird als Einzelfaden der dargestellten Farbe von unten aufgenommen, die dazu komplementĂ€re Grundfarbe wird fallengelassen, die zweite Musterfarbe bleibt unten

Ein kurzes Video zeigt das Einlesen in beiden FĂ€chern:

Wechselt man im Muster zu einem Block mit der anderen Musterfarbe, im Video oben von rot nach blau, ist es zweckmĂ€ĂŸig, einmal die gesamten MusterfĂ€den der neuen Farbe auszulesen und nach oben zu ziehen, gut anzuschlagen und bis zum nĂ€chsten Fachwechsel einen Faden darunter zu legen. Im Video ist der Faden zu sehen. Das sorgt dafĂŒr, daß der Wechsel auf die neue Musterfarbe vollstĂ€ndig erfolgt und sich nicht eine Horizontale mit zwei Farben zugleich bildet. 

Auf diesem Foto ist zu sehen, wie man sich das durch zusĂ€tzliche Litzen fĂŒr die FarbfĂ€den leichter machen kann. Die zwei dafĂŒr erforderlichen LitzenstĂ€be sitzen direkt an der Fachrolle. Eine Schnur liegt zusĂ€tzlich unter der Farbe, die gerade verwendet wird und hĂ€lt diese auf der OberflĂ€che.

Je nach verwendetem Material der Kette sieht man im Muster auch immer einmal die Farbe, die man eigentlich in diesem Block nicht wollte. Das kann an leichten Unterschieden in der Fadenspannung liegen oder daran, daß man die zwei nebeneinander liegenden verschiedenfarbigen MusterfĂ€den miteinander verdreht hat. Auch wenn man die Farbe eines Blocks wechselt, kommt vor allem bei Baumwolle die andere Farbe mit hoch. Es ist eben kein Doppelgewebe. Betrachtet man das Muster aus einiger Entfernung, fallen solche kleinen UnregelmĂ€ĂŸigkeiten kaum auf. 

Im zweiten Teil ĂŒber die Dreifarbtechniken mit gestuften Diagonalen möchte ich dann zeigen, wie man die Muster aus Q’ero einzieht und webt. 

Hier noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Marjorie Cason, Adele Cahlander: The Art of Bolivian Highland Weaving

(2) Ann Pollard Rowe : Warp-Patterned Weaves of the Andes

(3) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

Tiklla – Gewebe mit unterbrochenen KettfĂ€den

Partialkettengewebe – was fĂŒr ein sperriges Wort -, so heißt Tiklla auf Deutsch. Auf Quechua ist es die Bezeichnung fĂŒr eine spezielle Gewebeart, die an der vorspanischen sĂŒdamerikanischen PazifikkĂŒste und/oder im Andenraum erfunden wurde und weltweit einzigartig ist. Im Gegensatz zu in Europa und Asien gebrĂ€uchlichen Webarten gehen die KettfĂ€den hier nicht durch das ganze WebstĂŒck, sie sind mindestens an einer Stelle in der Horizontalen unterbrochen und wechseln die Farbe. Auf unseren heute benutzten Webrahmen und WebstĂŒhlen ist das bis auf wenige Ausnahmen kaum machbar, auf den in den Anden verwendeten einfachen WebgerĂ€ten aber schon.

kleines Tuch mit vier FarbflÀchen

ArchĂ€ologische Funde aus Peru und Kolumbien belegen, daß es diese Gewebe seit ca. 300 n. Chr. gibt. Sie wurden oft aus Baumwolle gefertigt, zur Inka-Zeit auch aus Wolle von Alpaka und Vicuña. Ein Vorteil dieser Webart war, daß die Bewohner der heißen KĂŒstenregionen am Pazifik dĂŒnne und flexible, leinenbindige Gewebe mit klar abgegrenzten FarbflĂ€chen herstellen konnten. Mit einem Schußrips hĂ€tte man zwar auch FarbflĂ€chen weben können, diese Gewebe werden aber viel dicker und steifer. Manche Gewebe aus vorspanischer Zeit sind mit einem kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand entstanden, sie sind z.T. so kompliziert, daß sie nur mit der Nadel auf einem FadengerĂŒst gewebt wurden, wobei der Schußfaden zur Kette werden konnte und umgekehrt. Die Techniken mit FadengerĂŒst werden heute nicht mehr angewendet, der Name „Scaffold weave“ fĂŒr Tiklla in englischsprachigen Publikationen beinhaltet aber noch das dafĂŒr notwendige „GerĂŒst“ .

Tunika aus der Siguas/Nazca-Kultur

Die Technik der unterbrochenen KettfĂ€den wurde bis in die Inka-Zeit hinein angewendet, das Aussehen dort aber auch hĂ€ufig durch Bildwirkerei imitiert. Die Inka-Weber hatten gelernt, sehr feinfĂ€dige Textilien mit bis zu 100 SchußfĂ€den pro cm (!) in Gobelintechnik herzustellen.

Inka-Tunika mit unterbrochenen KettfĂ€den im schwarz-weißen Abschnitt und Mustern in Bildwirkerei darĂŒber

Tiklla war im letzten Jahrhundert in Peru kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Nur in abgelegenen, noch sehr traditionell lebenden Gemeinschaften wie bei den Bewohnern von Q’ero in den Hochanden und im bekannten Weberort Pitumarca hatte sich diese Technik erhalten.

John Cohen, ein US-amerikanischer Fotograf, Filmemacher und Musiker hat 1977 die Herstellung einer Kette fĂŒr ein Tiklla-Tuch in der Gemeinde Q’ero fotografisch dokumentiert. Ein Teil seines Buches „Past. Present. Peru.“ ist der traditionellen Weberei im Peru Mitte des 20. Jahrhunderts gewidmet und enthĂ€lt großartige Fotos und auf beiliegender DVD auch Videoaufnahmen ĂŒber das Weben mit einfachsten Mitteln.

Die Weber aus Pitumarca haben Tiklla mit ihren Mantas zur Perfektion gebracht. Es werden nicht nur verschiedene FarbflÀchen in der unterbrochenen Kette gewebt, sondern es werden auch die Musterbereiche unterbrochen und farblich abgeÀndert.

Manta aus Pitumarca in Tiklla-Technik mit Musterbereichen; Kette im Foto horizontal

Zum Verkauf an Touristen werden Tiklla-Gewebe mit Chakana-Design hergestellt, die oft in US-amerikanischen Schamanen-Shops landen. Naja, wenn es dem Erhalt des Handwerks hilft…

neuzeitliches Tuch mit Chakana-Design, 7 Trenn- und LitzenstĂ€be waren dafĂŒr nötig

Die indigenen Bewohner Perus benutzen quadratische TĂŒcher in Tiklla-Technik mit vier FarbflĂ€chen in Ritualen zu Ehren der Pachamama, der Apus und anderer göttlicher Wesen. Daran sollte man mit Respekt denken, wenn man so etwas in der Hand hat oder sich selber am Weben eines solchen Tuches versucht.

Traditionelle Tiklla-Gewebe haben vier feste Seiten, man braucht also Geduld. Die Kette wird mit Fadenkreuz (also in 8-Form) entweder auf einem an sechs Pflöcken am Boden befestigten HorizontalwebgrĂ€t geschĂ€rt oder auf einem speziell dafĂŒr angefertigten Gestell.

Die folgenden Bilder zeigen die einzelnen Schritte der Herstellung einer Kette fĂŒr ein vierfarbiges kleines Tuch von 50 cm LĂ€nge und 40 cm Breite.

In Peru sind beim SchĂ€ren einer Kette zwei oder drei Frauen beteiligt, das geht wesentlich einfacher und schneller, als wenn man sich alleine mit Klammern als dritte Hand behelfen muß.

Bei dem Tuch oben wurden die KettfĂ€den nicht so dicht gesetzt, daß sie den Schußfaden völlig verdecken. Die SchußfĂ€den gehen daher jeweils nur bis zur Mitte des WebstĂŒcks, sind dort an ihrem Umkehrpunkt ineinander verhĂ€ngt und haben die gleiche Farbe wie die KettfĂ€den.

Bei einer Unterbrechung des Kettfadenverlaufs braucht man fĂŒr die Fachbildung auf jedem Kettfadenabschnitt einen Litzenstab und eine Fachrolle, man muß also mindestens zwei LitzenstĂ€be einziehen.

Angewebt mit je einem Litzenstab pro Feld, der Trennstab kann herausgezogen werden

Hat man die Kette an den StĂ€ben des GurtwebgerĂ€ts befestigt und die Litzen angebracht, webt man zunĂ€chst von jedem Stab aus ein StĂŒck an. Der Stab, der die Unterbrechung der Kette und die Trennschnur hĂ€lt, bleibt erst einmal in der Kette. Man kann ihn direkt nach dem Anweben entfernen oder auch erst die HĂ€lfte des Kettabschnitts weben und ihn dann herausziehen. Die Schnur bleibt dabei natĂŒrlich drin! Bei Baumwolle ist es besser, den Stab gleich nach dem Anweben herauszunehmen, um horizontale Rippen im Gewebe durch das Gleiten der KettfĂ€den um den glatten Trennstab zu vermeiden. Ist der Trennstab herausgenommen, webt man von der Mitte, also von der Schnur aus, nach beiden Seiten an. Die auf der Schnur liegenden Ă€ußeren Kettfadenschlaufen haben die Tendenz, nach außen wegzurutschen, also die Schnur lang genug machen. Die Schnurenden werden im ersten Fach beim Anweben auf der Schnur mit eingelegt und sichen so die außenliegenden Schlaufen der KettfĂ€den.

Ein Muster, das in der Mitte des Tuches gut zu sehen sein soll, beginnt man direkt an der Schnur. Die Enden an den KettbĂ€umen werden nur 1 cm angewebt, um die richtige Breite des Gewebes einzustellen. Eventuell verwendet man einen Schußfaden, den man spĂ€ter wieder leicht entfernen kann. Danach wird das Gewebe gedreht und man webt von der Schnur aus nach den Enden zu. Beim Original des Tuchs im folgenden Beispiel waren die Altvorderen clever: statt von der Mitte bis ganz zum Ende am Kettbaum zu weben, haben sie das Ende mit einem Band in Zwirnbindung versehen. Das lĂ€ĂŸt sich auf dem letzten Zentimeter besser anbringen, als wenn man bei einer FadenstĂ€rke von ca. Nm10 und reichlich 1000 FĂ€den auf 40 cm Breite mit der Nadel weben muß.

Tuch, ca 40 x 40 cm, Fundort Arica, Chile; ausgestellt im Museo Chileno de Arte Precolombino

Dieses kleine Tuch hat mir so gefallen, daß ich versuchen möchte, es nachzuweben. Die Muster konnte ich trotz der unscharfen Fotos aus dem Internet einigermaßen rekonstruieren.

Musterprobe

Ein brauchbares Wollgarn in den entsprechenden Farben zu finden war schwierig. Kein dĂŒnnes Wollgarn, was hier in Deutschland erhĂ€ltlich ist, erfĂŒllt die Anforderungen fĂŒr das Weben mit den hohen Fadendichten eines Kettripses. Es lief wieder auf Nachzwirnen heraus, das Garn ist Kammgarn 20/2 von Garnhuset i Kinna aus Schweden, hier erhĂ€ltlich bei Swedenform. Zum GlĂŒck braucht man nicht viel Garn fĂŒr so ein Tuch, so daß das Nachzwirnen schnell erledigt war.

beim SchÀren der Kette zum Nachweben des oben abgebildeten Tuchs
fertige Kette fĂŒr das gemusterte Tuch
Tuch von der Mitte aus angewebt

Da das hier verwendete dĂŒnne Wollgarn fĂŒr mich neu war, habe ich zunĂ€chst einige Proben gewebt, um zu sehen, ob dieses Garn das Weben mit hoher Fadendichte aushĂ€lt.

Bei der Probe im linken Bild wird der Schußfaden noch gut abgedeckt, das Garn löst sich aber wĂ€hrend des Webens zusehends auf. Verringert man die Fadendichte so wie im mittleren Bild, widersteht das Garn lĂ€nger den Belastungen, der Schußfaden macht sich aber im Musterbereich unangenehm bemerkbar. Das Garn fĂŒr die Probe im rechten Bild habe ich auf dem Spinnrad moderat nachgezwirnt, es ist noch weit entfernt von den drahtartigen FĂ€den, die die Andenweberinnen benutzen. Das hat am besten funktioniert, die FĂ€den haben bis zum Schluß gehalten, es gab keinen Abrieb in den Litzen und die FĂ€cher ließen sich fĂŒr einen Kettrips aus Wolle ordentlich öffnen. Dieses Garn und Fadendichte habe ich dann fĂŒr das Tiklla-Tuch verwendet.

Zum Weberforum am 11. Juni 2023 in Oederan möchte ich in einem Workshop fĂŒr an dieser Technik interessierte Weberinnen und Weber nĂ€her erlĂ€utern, wie man Tiklla webt. Gezeigt werden das Prinzip des SchĂ€ren der Kette auf einem Gestell, die Herstellung einer Tiklla-Kette fĂŒr einen Salusso-Webrahmen („Kleiner Italiener“) und das Entfernen des Trennstabes und Anweben auf der Schnur bei einer bereits angefangenen gemusterten Kette auf dem GurtwebgerĂ€t. Ich wĂŒrde mich freuen, wenn bei diesem Workshop eine fruchtbare Diskussion entsteht, wie man diese außergewöhnliche Technik auch auf den hier gebrĂ€uchlichen WebgerĂ€ten anwenden kann.

Bandwebmuster in drei Farben

Vor Jahren hatte ich mich schon einmal an der Baltischen Technik mit zwei Musterfarben versucht und das Ganze wieder weggelegt, da mir das Abbinden der MusterfĂ€den auf der RĂŒckseite nicht richtig gelingen wollte. Diesen Herbst gab es dazu eine Diskussion auf Ravelry, vielen Dank an Brettchenweberin, die meine Neugier auf diese Technik wieder geweckt hat!

Eine Baltische Technik ist das eigentlich gar nicht. Aus dem Baltikum sind mir keine Textilien mit dieser Technik bekannt, im Internet habe ich nichts gefunden, weder Bilder noch Beschreibungen. In SĂŒdamerika webt man allerdings breit gemusterte Mantas damit und diese Mustertechnik scheint dort schon einige Jahrzehnte in Gebrauch zu sein. In Peru heißt sie Ley (oder ligui) pallay de tres colores. Die folgenden Bilder zeigen einen GĂŒrtel aus der Sammlung des ILCA (Instituto de la Lengua y Cultura Aymara) in Bolivien.

Die sĂŒdamerikanischen Weberinnen haben es sogar geschafft, durch geschickte MusterentwĂŒrfe ein nahezu doppelseitiges Muster zu erzielen, so wie auf dieser kleinen Manta aus Bolivien:

Gewebt wird diese Technik Ă€hnlich den baltischen oder ostpreußischen Bandwebmustern. Es kommt aber hinzu, daß regelmĂ€ĂŸig Bindepunkte gesetzt werden mĂŒssen, um die gerade nicht verwendete Musterfarbe am zu langen Flottieren auf der RĂŒckseite zu hindern und auch, um durch das regelmĂ€ĂŸige Abbinden der Musterkette eine ungleiche Spannung der KettfĂ€den zu verhindern.

Diese Bindepunkte sind unter den Flottierungen der MusterfÀden verborgen oder werden, wo das nicht geht, durch die Handhabung der MusterfÀden beim Weben etwas versteckt.

FĂŒr interessierte Weberinnen habe ich eine Beschreibung dieser Technik gemacht, die zwei verschiedene Möglichkeiten, diese Bindepunkte zu setzen, behandelt. Sie kann unter dem MenĂŒpunkt „SĂŒdamerikanische Webtechniken“ oder hier heruntergeladen werden.

Doppelt und Dreifach

Stabdoppelgewebe mit Webblatt auf einem Backstrap-loom? Warum nicht, man muß sich nur etwas einfallen lassen, um die endlos geschĂ€rte Kette in das Blatt einzuziehen und die gewĂŒnschte Fadendichte hinzubekommen.

Man kann die Kette auch wie beim Webstuhl aufschneiden, einziehen und an einem Stab anbinden, das verschwendet eine Menge Garn und man muß den Anfang des Gewebes nach Fertigstellung abnĂ€hen oder Fransen knĂŒpfen.

In der Wahl der Dichte des Webblattes und auch in der Auswahl des Garns ist man mit endloser Kette nicht ganz so frei wie beim Anbinden auf einem Webstuhl. Bei mir hat es sich bewĂ€hrt, je zwei FĂ€den von einer Farbe, also fĂŒr zweifarbiges Doppelgewebe insgesamt vier FĂ€den in eine LĂŒcke des Blatts einzuziehen. Das mache ich deshalb so, weil ich dann die Schlaufen am knotenfreien  Ende der endlosen Kette gleich mit dem Einziehhaken durch das Blatt fĂ€deln und sofort auf einem der beiden StĂ€be des GurtwebgerĂ€tes aufziehen kann. Der andere Stab hĂ€lt das Ende der Kette mit den Knoten fĂŒr den Anfang und die Farbwechsel. Die KreuzstĂ€be werden direkt nach dem SchĂ€ren der Kette angebracht und dienen der Orientierung beim Einziehen des Webblatts und der Litzen. Sie bleiben spĂ€ter beim Weben in der Kette und helfen dabei, die FĂ€den in der richtigen Webbreite zu halten.

Mit der gleichmĂ€ĂŸigen Spannung der KettfĂ€den gab es nach dem Einziehen keine Probleme.

FĂŒr Baumwolle 8/2 (Nm 6,7) habe ich ein Blatt 40/10 (10 dents) verwendet, bei zwei FĂ€den pro Farbe im Doppelgewebe entspricht das einer Fadendichte von 8 FĂ€den pro cm in einer Lage des Gewebes.

Da ich ein lĂ€ngs gestreiftes leinenbindiges Grundgewebe fĂŒr Anfang und (vielleicht) Ende haben wollte, sind die LitzenstĂ€be anders eingezogen als bei z.B. nordeuropĂ€ischem Stabdoppelgewebe. Litzenstab 1 ist hell, Litzenstab 2 ist dunkel, 3 und 4 entsprechend genauso. Auf den KreuzstĂ€ben liegen die Farben jedoch zwei hell/ zwei dunkel nebeneinander. Genauso gehen sie auch durch die Schlitze des Blatts, die zwei FĂ€den der hellen Gewebelage zusammen mit den korrespondierenden zwei FĂ€den der dunklen Gewebelage. Die Übersicht beim Einlesen der FĂ€den fĂŒr das Muster wird dadurch sehr verbessert.

Damit das Ausheben der gesamten FĂ€den einer Farbe bei diesem Einzug nicht zum Kampf mit den LitzenstĂ€ben wird, liegt die helle Farbe auf einer Rolle hinter allen vier LitzenstĂ€ben, die zwei StĂ€be mit  dunkle Farbe werden bei Gebrauch einzeln ausgehoben und an der Weblinie mit Hilfe der Webschwerter vereinigt. Das geht schneller, als man es aufschreiben kann.

Gewebt habe ich Muster aus dem vorspanischen Peru, der hochauflösenden Fotos von Museumsobjekten, die es jetzt gibt, sei Dank. Die Webart ist Finnweave, eine Variante des Stabdoppelgewebes, die auf der Vorderseite exakte horizontale und vertikale Linien produziert, in dem mehr FÀden der Musterfarbe auf dieser Seite als auf der Unterseite verwendet werden. Dadurch ist das Muster aber nicht auf beiden Seiten gleich gut vorhanden.

Man kann mit einem Backstrap-loom Gewebe herstellen, die vier feste Seiten haben, allerdings nicht, wenn man ein Webblatt verwendet. Oder doch? Kommt drauf an😉! Wenn man komplette Schlaufen der Kette durch die Schlitze des Blatts zieht und dann von der anderen Seite (der mit den Knoten) das Weben beginnt, die Seite mit den Schlaufen nicht anwebt, also auch keine Anfangsschnur verwendet, sondern die Kette nur provisorisch festsetzt, dann geht das schon. Das Webblatt kann man entfernen, wenn man nahe am Ende ist und die letzten cm ohne dieses weiterweben.

Doppelgewebe im alten Peru wurden als vierseitig abgeschlossene Gewebe nach gĂ€ngiger Lehrmeinung ohne Webblatt hergestellt. Bei den ganz alten Sachen ist das sicher so, das Webblatt wie wir es kennen wurde wahrscheinlich um 500 u.Z. in Asien erfunden und kam im Mittelalter nach Europa. Wenn ich mir diesen Kamm aus einem Chancay-Webkörbchen (um 1300 bis 1500 u.Z.) ansehe, habe ich so meine Zweifel, ob diese Weber nicht auch schon eine Art  Webblatt kannten und es wieder aus der Kette entfernten, wenn sie das Ende weben wollten.

Chancay-Fadenkamm, ca. 1300 -1500 A.D.

Der Kamm sieht von seiner Machart aus wie ein halbfertiges Webblatt, nur eine Seite ist gebunden. Zum Anschlagen von Bildgeweben erscheint er mir zu schwach gebaut.

Allerdings muß man dazu zumindest einen Litzenstab fĂŒr ein leinenbindiges Grundgewebe als Abschluß neu einziehen, das andere Fach lĂ€uft wie gewohnt ĂŒber eine Rolle. Es gibt neuerdings auch WebblĂ€tter fĂŒr Handweber, die man zum Einziehen oder Entfernen oben öffnen kann, allerdings nicht hier in Europa und zu exorbitanten Preisen. Braucht man nicht wirklich.

Die Herstellung eines Webblatts mit einfachen “Hausmitteln” ist nĂ€mlich gar nicht so schwierig. Auf die Idee gebracht hat mich Tracy Hudson mit ihrer Beschreibung, wie ein japanisches Webblatt aus Bambus hergestellt wird.

https://www.einesaite.com/blog/einesaite/2017/11/7/bamboo-reeds-continued

Das ist freilich die Königsklasse, so fein brauche ich es gar nicht und auch nicht so groß, ich wollte nur mal schnell ein Band aus einem Buch ausprobieren. Herausgekommen ist das hier:

Ein Webblatt fĂŒr ein Band, was sind denn das fĂŒr Flausen? Das Band hat es aber in sich, es ist ein Tripelgewebe, 6 SchĂ€fte, drei Farben, auf der Oberseite dreifarbiges Finnweave und unten zweifarbiges Doppelgewebe. Wieder mal zu lange “Double-woven Treasures from Old Peru” gelesen. Gerade hatte ich Finnweave in zwei Farben richtig begriffen und es fing an Spaß zu machen, da mußte es noch bunter werden! Bloß Leinenbindung gleichmĂ€ĂŸig mit Abstand zwischen den KettfĂ€den weben, will mir ohne Webblatt trotz coil-rod und Breithalter schon bei zwei Farben nicht gelingen. Ein gutes Webblatt fĂŒr ein Band kleinsĂ€gen lĂ€ĂŸt mein innerer Schotte nicht zu, also eins bauen, möglichst mit Material aus der GerĂŒmpelkiste. Das grĂ¶ĂŸte Problem waren gleichmĂ€ĂŸig breite Hölzer fĂŒr die Stege des Blatts. Mir fielen Eisstiele in die HĂ€nde, die sahen gut aus, aber ob sie nicht mit ihren 2 mm zu stark sind? Mit einer Schnur von 1,3mm StĂ€rke zum Binden des Blatts kam ich auf eine Dichte von 33/10, die ZwischenrĂ€ume sind recht eng, aber mit Garn Nm 5,6 funktioniert es.

Das Band hat als Grundfarbe GrĂŒn und als Musterfarben Gelb und Rot. Alle drei Farben können als Layer eines Tripelgewebes einzeln gewebt werden, so wie in den Anfangs- und Endstreifen des Bandes. Entsprechend braucht man drei SchußfĂ€den in den drei Farben. Die SchußfĂ€den umschlingen sich am Rand des Gewebes um diesen zu schließen.

Die Oberseite des Bandes ist dreifabiges Finnweave, auf der Unterseite ist zweifarbiges Stabdoppelgewebe mit doppeltem Schuß in einer Farbe fĂŒr jede Musterreihe. Deshalb ist das Muster dort auch an den Seiten nicht so exakt wie bei Finnweave, es “flattert” ein bißchen.

Warum haben die alten Peruaner Tripelgewebe hergestellt? ArchĂ€ologen wĂŒrden vielleicht einen spirituellen Hintergrund vermuten, das Original des Bandes stammt von einer Ausgrabung in  Ocucaje/ Peru und wurde etwa um 900 v.u.Z. angefertigt, zur Zeit der Chavin-Kultur. Die drei Welten der Andenvölker, eine davon im Inneren verborgen oder so.  Es hat wohl gewöhnlichere GrĂŒnde: das Gewebe wird auf diese Art schön fest und gleichmĂ€ĂŸig, da alle FĂ€den immer abgebunden werden und keine im Inneren flottieren, was die Spannung der Kette durcheinanderbringt.

Beim Weben des Bandes habe ich mich erst einmal eine ganze Weile an der Anleitung festhalten mĂŒssen, bis ich begriffen hatte, wie das mit den drei Farben geht. Vor allem das Weben der  Unterseite war am Anfang unverstĂ€ndlich, bis ich herausbekam, daß dafĂŒr die zweite Musterfarbe in einer ganz bestimmten Weise als KomplementĂ€rpartner der auf der Oberseite verwendeten Musterfarbe nach unten gebracht werden muß.

Das Weben braucht sehr viel Zeit, fĂŒr eine Reihe im Muster sind neben dem Einlesen von Hand zwei oder vier SchĂŒsse und entsprechende Fachbildung im Doppelgewebe notwendig.

Das Band mit dem Muster aus dem alten Peru ist nun fertig und lang genug, um daraus eine kleine Tasche fĂŒr Stifte zu nĂ€hen. Es ist ein StĂŒck Kette ĂŒbrig, da werde ich mal etwas herumprobieren, was mit dieser Technik noch möglich ist.

Ein sehr schönes Band als Tripelgewebe habe ich auf der Seite des Metropolitan Museum of Art gefunden, das Muster soll laut Beschreibung doppelseitig sein, leider gibt es kein Foto der RĂŒckseite.

Metropolitan Museum of Art
Objekt-Nr. 2001.172

ZufĂ€llig in den gleichen Farben, die ich fĂŒr mein Band verwendet habe, aber mit der doppelten Fadenzahl. Ich höre meinen inneren Schweinehund schon kichern:”Es gibt doch jetzt ein kurzes Webblatt, Muster dreifarbig doppelseitig, wĂ€re das was?”  Mal sehen.

Da es so aussieht, als wĂŒrde ich lieber Webtechniken sammeln statt auch mal etwas fertig zu stellen, hier noch ein Bild von der nun endlich zusammengesetzten blauen Tasche:

Das Trageband habe ich noch mal neu gewebt, mir haben die Farben des ersten Versuchs nicht so gefallen. Es ist ein einfaches Amapola-Muster mit Variationen in den Musterfarben entlang des Bandes. Sonst wird es langweilig.

Naturfarbene Baumwolle, Teil 2

Im ersten Teil ĂŒber naturfarbene Baumwolle hatte ich die Herstellung des Garns aus roher entkernter Baumwollfaser beschrieben. Jetzt soll es um das Weben mit diesem Garn gehen.

Da ich auf dem backstrap loom vorwiegend kettdominante Textilien webe, muß das Webgarn einiges an Abrieb und Zugbelastung aushalten können. Eine große Menge Drall im Garn ist nur eine Möglichkeit, wie man bei Baumwolle die Festigkeit beeinflussen kann. Wenn man das gezwirnte Garn in basischem Wasser kocht und danach unter Zug trocknet, wird es dabei reißfester und lĂ€uft etwas ein . Ich habe Natron (ca. 5 g auf 2 l ) ins Wasser gegeben, um es basisch zu machen, Soda wĂ€re auch möglich. Beim Kochen werden außerdem die Farben der farbigen Baumwolle intensiver, hier der direkte Vergleich:

Das fertige Webgarn hat eine LauflĂ€nge von ca. 800 bis 1000 m je 100g, also Nm8 bis Nm10. In wpi sind das bei diesem Garn 32 bis 36, der niedrigere Wert fĂŒr dunkelbraun und grĂŒn.

FĂŒr eine kleine Webprobe habe ich die Kette auf dem Gestell geschĂ€rt, das ich eigentlich fĂŒr WebstĂŒcke mit unterbrochenen KettfĂ€den (Tiklla) verwende. Das Garn kam mir beim SchĂ€ren so vor, als hĂ€tte vor allem das GrĂŒne fĂŒr ein Kettgarn nicht genĂŒgend Drall, deswegen habe ich die Kette gleich auf dem Gestell krĂ€ftig von beiden Seiten mit SprĂŒhstĂ€rke eingesprĂŒht und trocknen lassen.

Kette (LÀnge 35 cm) auf einer Art SchÀrrahmen

Nach dem Aufziehen auf den backstrap loom zeigte sich, daß sich mit der nötigen Vorsicht (die FĂ€den sind sehr dĂŒnn) das Garn ganz gut verweben lĂ€ĂŸt. Man bleibt mit dem Webschwert oder dem StĂ€bchen mit dem Schußfaden auch gern einmal hĂ€ngen, mir ist aber deswegen nur ein Kettfaden gerissen.

Die KettfĂ€den sitzen etwas auf Abstand, 20 FĂ€den pro cm, der weiße Schußfaden (Nm 20/2, unmercerisierte kommerzielle Baumwolle) scheint etwas durch. Damit sich dabei das Gewebe nicht in der Breite zusammenzieht, habe ich einen einfachen Breithalter benutzt, ein StĂŒck von einer alten Garnspule aus Pappe und zwei Stecknadeln. Balsaholz ist dafĂŒr auch bestens geeignet, das war aber alle.

Breithalter auf der Unterseite

In dem Kettgarn steckt jede Menge Zeit und Arbeit, deswegen habe ich das WebstĂŒck mit vier festen Seiten hergestellt, um nichts zu verschwenden. Mit Fachbildung konnte ich bis zu einer LĂŒcke von 3 cm weben, danach mußte ich mit Nadeln weitermachen. Stahlstricknadeln GrĂ¶ĂŸe 2mm sind gut geeignet, um die dĂŒnnen FĂ€den aufzunehmen und den Schußfaden mit parallel gefĂŒhrte stumpfer Sticknadel ins Fach einzulegen. Die letzte Reihe ist nur mit einer Nadel gewebt.

fertiges StĂŒck Stoff vor dem BĂŒgeln, 34 x 14 cm

Das Schließen der LĂŒcke beansprucht das Kettgarn mehr als das Weben, das grĂŒne Garn ist in diesem Bereich etwas rauh geworden, aber nicht gerissen. Nach dem feuchten BĂŒgeln des StoffstĂŒcks ist das aber kaum noch zu sehen.

Aus dem entstandenen StoffstĂŒck habe ich eine kleine Tasche genĂ€ht, bei der die AnfangsschnĂŒre vom Weben auf dem backstrap loom noch sichtbar sind.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf der RĂŒckseite die letzte Reihe vom Zusammenweben.

letzte Reihe mit doppeltem Schußfaden (Stecknadel)

Fazit dieses Versuches ist: man kann mit den naturfarbenen Pakucho-Baumwollflocken ein kettfĂ€higes Webgarn herstellen, was sich fĂŒr festen Bekleidungsstoff und HandtĂŒcher eignet. Gesponnen aus kardierten Rolags bzw. Punis wird das Garn durch die in der Flocke enthaltenen Knötchen und Noppen nicht sehr gleichmĂ€ĂŸig, das fĂ€llt in einem fertigen, relativ dichten Gewebe aber kaum auf. Ob der Stoff im tĂ€glichen Gebrauch anfĂ€ngt zu fusseln, wird sich zeigen.

Hier noch etwas zu lesen:

All about Spinning Cotton, Interweave Press LLC, 2011; kostenloser Download ĂŒber interweave.com