Hat das schon einmal jemand versucht? Sieht aus wie eine verrückte Idee! Und was ist eigentlich Intermesh?
Intermesh ist neben dem bekannteren „pebble weave“ die zweite weit verbreitete komplementäre Mustertechnik im Andenraum und auch im Tiefland von Bolivien und Paraguay. In den Reihen mit Bindepunkten wechseln sich bei Intermesh helle und dunkle Fäden ab, die Muster entstehen durch Flottierungen einer Farbe über 3 Reihen, scharf abgegrenzte Diagonalen gibt es bei reinem Intermesh nicht. Bei pebble weave liegen in den Bindepunktreihen zwei helle und zwei dunkle Fäden nebeneinander, Diagonalen entstehen durch Flottierungen über 2 Reihen, Musterflächen duch Flottierungen über 3 Reihen.

Eine sehr gute Beschreibung mit vielen Fotos, wie man zweifarbiges Intermesh webt, gibt es in (4).
In der englischsprachigen Literatur findet man für diese zwei Webarten folgende Bezeichnungen, die sich auf die Struktur des Gewebes beziehen:
Pebble Weave: complementary warp weave with 3-span floats aligned in alternate pairs (diagonals of 2-span floats)
Intermesh: complementary warp weave with 3-span floats in alternating alignment
Laverne Waddingtons Blogbeitrag über die mit einer Sanduhrverschlingung nadelgebundenen Textilien der Ayoreo (hier), in dem sie beschreibt, wie sie ein Muster der Ayoreo mit der Intermesh-Technik zweifarbig webt, hat meine Neugier geweckt. Das von ihr verwendete Muster hat im Original drei Farben und brachte mich auf die Idee, ob dieses ebenfalls mit Intermesh möglich ist.

Die Überlegung dabei war, wenn Komplementärgewebe mit der Zählweise 2/2 für die Bindepunkte dreifarbig einseitig und auch doppelseitig gewebt werden kann, warum sollte das mit Intermesh 1/1 nicht gehen. In Adele Cahlanders Büchern (1 und 2) steht darüber nichts, also ausprobieren. Da war noch was: in einem Buch von Nilda Callañaupa (3) sind Bänder abgebildet, die auf den ersten Blick wie Intermesh aussehen und wo die Hintergrundfarben blockweise wechseln. Aber dazu später.

Intermesh ist eine Technik, die ich zum Musterweben wegen der flattrigen Konturen nicht so mag. Für die Nachbildung der Ayoreo-Muster ist das aber genau das Richtige, weil dort durch die ineinander verschlungenen Knoten auch keine ganz geraden Farbabgrenzungen entstehen.
Für das Experiment habe ich eine Kette mit 40 Musterfäden geschärt, Einzug und Fächer in Litzen sind auf dem Bild unten dargestellt. Die Farben sind separiert und haben jede einen Litzenstab. Die Mesh-Fächer 1 und 2 laufen über einen Kreuzstab und einen Litzenstab.

Intermesh weben geht mit zwei Farben ziemlich schnell, da nur jede zweite Reihe eingelesen werden muß. Mesh 1, Musterreihe komplementär einlesen, Mesh 2, Musterreihe komplementär einlesen, Mesh 1 … usw.
Mit drei Farben wird es schon kniffliger. Bei den Musterreihen habe ich immer erst mit nur zwei Farben ein Fadenkreuz gebildet, eingelesen und dann mit dem gerade eingelesenen Fach und der dritten Farbe ein neues Fadenkreuz gebildet und die dritte Farbe eingelesen. Wenn man die Mesh-Reihen so webt, wie sie eingezogen sind und nur die Musterreihe dreifarbig einliest, ist das Muster nur auf einer Seite zu sehen, die Rückseite ist meliert. Diese Vorgehensweise ist dieselbe wie beim einseitigen dreifarbigen „pebble weave“, Band 15 in (1).


Pebble Weave kann man doppelseitig in drei Farben weben, sollte das bei Intermesh ebenfalls gehen? Mit Farbflächen geht es auf jeden Fall, ist aber sehr zeitaufwendig. Wie bei dreifarbigem doppelseitigen Pebble Weave braucht man einen zweiten Schußfaden. Bei komplexen Mustern und ständigem Farbwechsel in der Reihe wie z.B. ähnlich den Q’ero-Mustern, ist der Aufwand unverhältnismäßig hoch, hier ist ein richtiges Doppelgewebe die bessere Wahl.


In diesem PDF habe ich meine „Gedächtnisstütze“ für das doppelseitige Dreifarbengewebe aufgeschrieben, das ist aber keine Anleitung, nur ein Merkzettel. Wer mit Doppelgewebe vertraut ist, wird ihn verstehen können.
Nicht alles, was auf den ersten Blick wie Intermesh aussieht, ist wirklich diese Technik. Dieser Gürtel aus Guatemala z.B. ist völlig anders gewebt.

Auch Muster aus Peru, die in (3), Seite 125 abgebildet sind, scheinen bei flüchtigem Hinsehen eine Art Intermesh zu sein, sind aber eine Variante der in einem vorigen Post (hier) beschriebenen Technik der gestuften Diagonalen mit Farbwechsel im Block. Allerdings werden die Diagonalen nicht aus Fadenpaaren, sondern aus Einzelfäden gebildet.


Eine Beschreibung dieser Technik habe ich nicht finden können und es war noch ein Stück Kette von den Intermesh-Experimenten übrig. Mit Hilfe der drei Litzenstäbe für die Einzelfarben war schnell ein neues Fadenkreuz erstellt und ich konnte probieren, ob die dreifarbige Technik der gestuften Diagonalen in Paaren auch mit Einzelfäden funktioniert. Das geht sehr gut, das Probestück hat kleine Fehler im Muster, da ich die Bindepunkte bei langen Flottierungen ein bißchen „frei Schnauze“ beim Weben gesetzt habe.


Freut mich, daß diese Experimente funktioniert haben, wieder was gelernt!
Und was ich in diesem Zusammenhang noch loswerden will:
Ich möchte mich ganz herzlich bei Laverne Waddington bedanken, daß sie mir durch ihre Bücher und ihren Blog die Grundlagen dieses Handwerks beigebracht hat. Durch diesen Unterricht habe ich nicht nur das nötige Handwerkszeug gelernt, sondern auch die Motivation bekommen, weiterzulernen und mich zu verbessern. Solche Lehrer, die Leidenschaft und Wissen so vermitteln, daß man Feuer fängt, schätze ich unendlich!
Hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:
(1) A. Cahlander: The Art of Bolivian Highland weaving
(2) A. Cahlander: Double-woven Treasures from Old Peru
(3) Nilda Callañaupa Alvarez: Tradiciones Textiles de Chinchero, Herencia viva; Seite 125
(4) Laverne Waddington: More Adventures with Warp-Faced Pick-up Patterns; Patternfish 2016
(5) Screenshot von tienda.fapi.org.py/ ; Tienda de Artesanías del Pueblo Ayoreo Totobiegosode
(6) Ann P. Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes
(7) Marijke van Epen: PATRONEN WERKSCHRIFT Teil 9 TOTONICAPÁN BANDEN