Versetzte Kettfäden – transposed warps – urdimbres transpuestas

Kettfäden beim Weben versetzen, welcher Weber denkt da nicht sofort an Dreherbindungen (1) ? Die gibt es im vorspanischen Südamerika auch, aber hier soll eine andere Art der Musterbildung mit Versatz von Kettfäden beschrieben werden. 

Archäologische Funde sind rar, die Technik wurde in einem begrenzten Gebiet im Süden Perus, dem Norden von Chile und Argentinien sowie im südwestlichen Hochland von Bolivien angewendet (3). In der heutigen Zeit wird diese Mustertechnik kaum noch ausgeübt, in Chile bemüht man sich gerade, sie wiederzubeleben. Dazu wurde auf Instagram von Marión Lira (@liratextil.cl ; liratextil.com) ein Kurs angekündigt, an dem ich gerne teilgenommen hätte, wäre das nicht wegen der Zeitverschiebung nachts um zwei gewesen. Neugierig war ich aber, es gab ein Bild von einem Band und ich wußte von der Bandwebtechnik mit gekreuzten Kettfäden, wie man dort einen Farbwechsel durch Versatz von Kettfäden macht. Einige schlaflose Nächte und ein paar Stunden probieren später hatte ich es heraus, wie das Band auf dem Bild zu weben geht. 


Für das Band werden – jeweils in Runden – vier helle und vier dunkle Fadenpaare auf Kreuzstäben eingezogen. Ob man das auf einem Bandwebstuhl macht oder als backstrap-Anordnung, ist egal, die Kreuzstäbe bleiben aber zur Orientierung beim Weben dauerhaft in der Kette. Litzen zur Fachbildung braucht man bei den wenigen Fäden keine, sie erschweren nur die Übersicht, im Bild unten hatte ich sie versuchsweise drangemacht. 


An den Kreuzstäben zeigt Fach 1 zum Weber hin, Fach 2 liegt hinter den Kreuzstäben. 

Um das Band zu beginnen, webt man erstmal einige Schüsse Leinenbindung, Fach 2 wird dazu mit der Hand aufgenommen. Man beendet die Leinenbindung mit Fach 1, Reihe 1. Nun geht das Muster los.

Reihe 1 – Fach 1

Reihe 2 – Kettfäden versetzen, die weißen Fäden liegen oben, die roten gehen in der Mitte durch

Reihenfolge nach Versatz: 2 ws, 2 rt, 4 ws, 4 rt, 4 ws, 2 rt, 2 ws

nach oben genommen werden die Fäden für Fach 2, versetzt werden aber die ganzen Kettfadenpaare! damit das Muster auch auf der Unterseite erscheint

je 2 Paare weiße Fäden bilden den Rand, diese werden nicht versetzt

Reihe 3 – Fach 1

Reihe 4 – Fach 2

Beginnen wieder bei Reihe 1


Hier ein Bild mit dem Blick in das geöffnete Fach und mit Lage und Richtung der zu versetzenden Fäden:


Der Fadenlauf für einen Mustersatz sieht so aus:

Am Anfang ist es schwierig, bei Reihe 2 die ganzen Fäden auf der Hand in der richtigen Reihenfolge zu halten und bei den versetzten Fadenpaaren den richtigen aus Fach 2 zu erkennen. Hier hilft es, wenn man sich am Schußfaden an der Weblinie statt an den Kreuzstäben orientiert, dort ist leichter zu sehen, welcher Faden des Paares zu Fach 1 oder Fach 2 gehört. 

Wenn man so gar nicht klarkommt, kann man die Fäden auf einem Rahmen befestigen und beginnt das Weben an der Seite des Bandes mit den Knoten. Hier braucht man auch kein Fadenkreuz, sondern ordnet die Schlaufen der Kettfadenpaare auf dem oberen Kettbaum in der richtigen Reihenfolge an und versetzt diese, wie das Muster es erfordert. 


Manche Sachen, wie dieses Band hier, kann man nur auf einem Rahmen ohne Fadenkreuz weben, da die Diagonalen in eine Richtung laufen und das Fadenkreuz immer mehr verdrehen würden. 

Die folgenden Bilder zeigen was passiert, wenn man dieses Muster versucht mit Kreuzstäben zu weben:

Auf dem Rahmen versetzt man für das Muster die Kettfadenschlaufen am oberen Kettbaum und nimmt das Fach 2 dort von unten auf:


Als ich mit den ersten Bändern fertig war, gefiel mir die Technik mit dem Kettfadenversatz und ich fing an, nach mehr davon zu suchen. Im Buch über die Webtechniken der Anden (2) sind dazu zahlreiche Abbildungen von gewebten Beispielen und archäologischen Funden. Im Buch von Ann P. Rowe (4) ist der Fadenlauf für das oben gezeigte blau-weiße Band abgebildet, was mir sehr beim Verständnis der südamerikanischen Variante des Kettfadenversatzes geholfen hat. Also ging es los mit einem Ausschnitt aus einem Inka-Textil (Textile Museum TM 1961.30.210) , bei dem ein Bereich, der eigentlich für Komplementärmuster gedacht ist, versetzt und wieder zusammengeführt wird. 

Das kann man mit Kreuzstäben in der Kette gut machen, weil der Versatz duch die Struktur des Musters – auf-und zugehende Diagonalen in einem Rhombus – nach einigen Reihen rückgängig gemacht wird. In (3) ist eine interessante Interpretation dazu, dieses Muster soll Bezüge zur Wari-Tiwanaku-Zeit haben und möglicherweise das von einer wichtigen Gottheit getragene Schlangenattribut symbolisieren. Ein paar Schlangenmuster habe ich als Komplementärgewebe zwischen die Bereiche mit den versetzten Kettfäden gewebt.

Doch halt, Schlangen sollen das sein? Nach (5) heißt dieses Muster „kuti“ und soll die Kartoffelhacke darstellen. Daran habe ich große Zweifel und zwar aus folgendem Grund: Ende des 18. Jahrhunderts, in den 1780er Jahren, wurden nach Aufständen der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialherren in dem von den Spaniern besetzten Vizekönigreich Peru indigene Kleidung und nichtchristliche Symbolik verboten. Ganz hat man das nicht durchsetzen können, in ländlichen Gebieten behielten die Frauen z.B. ihr Tragetuch bei und webten dort überlieferte Muster hinein. Ich denke, es kam zu einer Art codierten Sprache, bei der man den Vertretern der Kolonialherren erzählte, daß das Muster mit der zweiköpfigen Schlange ein landwirtschaftliches Gerät darstellt. Vielleicht ist es auch ein Wortspiel mit dem Quechua-Wort „kutiy“, das bedeutet Rückkehr oder Wiederkehr. Der alten Götter möglicherweise oder ist die Schlange die Wiederkehr von irgendetwas? Das ist aber lediglich meine persönliche Meinung zu dieser Sache. Es wäre sicher ein interessantes Forschungsgebiet, ob die heutigen Weberinnen in Peru die wirkliche Bedeutung dieser Motive tatsächlich nicht mehr kennen oder ob sie Menschen außerhalb ihres kulturellen Umfeldes, auch Forschern, durch ihre schlechten Erfahrungen mit Rassismus und kultureller Unterdrückung in dieser Richtung einen Bären aufbinden. 

In den Artikeln zu versetzten Kettfäden in (2) und (3) ist ein wirklich schönes Band aus der Zeit des Mittleren Horizonts (ca. 400 bis 1000 n. Chr.) abgebildet, das in Bolivien in einer Höhle bei Mojocoya gefunden wurde und als Henkel einer Tasche gedient haben mag. Mich erinnerte das Motiv irgendwie an die „Fajas de Sara“ aus Peru, die aber in einer ganz anderen Technik gewebt werden. Und wirklich, in (3) wird dieses Muster mit Bezug auf Aussagen zeitgenössischer Weberinnen aus Bolivien so interpretiert, daß es etwas mit Aussaat und Saatgut zu tun hat, ähnlich wie die fajas de sara. Vielleicht ist das das größte Rätsel von Bruder Murúa, wie diese beiden Sachen zusammengehören. 

Band aus Mojocoya, Bild abfotografiert aus (2)


Das schöne vielfarbige Muster weckte meinen kleinen inneren Bluthund – werde ich einen Webbrief nur aus der Abbildung in (2) machen können und dieses Muster weben? Es war nicht einfach und hat einige Stunden gedauert, bis ich eine Darstellungsart gefunden hatte, nach der man das weben kann. Eine Reihe im Webbrief entspricht zwei gewebten Reihen auf dem Band, die Rückreihe muß nicht eingelesen werden, da hier nur der Schußfaden in das Fach von den Kreuzstäben oder beim Weben auf einem Rahmen in das Fach am oberen Kettbaum eingelegt wird. 

Der Webbrief zeigt lediglich die Lage der Kettfadenpaare in jeder Musterreihe, aber nicht, welches Fadenpaar man versetzen muß und ob das im Fach oder auf dem Gewebe geschieht. Ein Foto von einem fertigen Gewebe oder noch besser, ein Beispielstück, sollte man zum Weben mit dabei haben. Dazu möchte ich noch einmal auf das Bild oben mit dem Blick ins geöffnete Fach verweisen, bei dem gezeigt wird, wie die Fadenpaare zu versetzen sind, wenn sie unsichtbar im Fach oder sichtbar auf der Oberseite des Gewebes verlaufen sollen. 

Beim Versatz der Kettfäden in einem solchen komplexen Muster versucht man immer, den kürzesten Weg für das zu versetzende Fadenpaar zu wählen und beachtet auch, welche Linienführung auf der Oberfläche stattfindet. In diesem Beispiel hier sind es die hellen und dunklen Zickzacklinien, die nicht von Einzelfäden auf der Oberfläche gekreuzt und unterbrochen werden. Fadenversätze, die diese Hauptlinien kreuzen, verlaufen immer unsichtbar im Fach. 

Da das Ganze am Anfang kompliziert aussah, habe ich die Kette auf einen Rahmen aufgezogen, wo ich nichts auf der Hand halten mußte, sondern nur die Kettfadenschlaufen auf dem oberen Kettbaum umsortiern muß. Mit dem Rahmen ist das sehr einfach, vor allem,  wenn Fäden im Fach verlaufen sollen. Nach dem Umsortieren habe ich von der  Kette die Fäden aus Fach 2 von Hand aufgenommen, die ja nun in der richtigen Reihenfolge liegen. In dieses Musterfach wird der Schußfaden eingelegt, danach das Fach 1 vom Kettbaum aufgenommen, angeschlagen und wieder der Schußfaden eingelegt. Der Ablauf des Webens auf dem Rahmen ist folgender:

– Kette auf dem oberen Kettbaum gemäß der Reihe im Webbrief sortieren

– Fach 2 von diesem Kettverlauf aufnehmen – geht am besten direkt unterhalb des Kettbaumes

– aufgenommenes Fach zur Weblinie ziehen und anschlagen, Schußfaden einlegen

– Fach 1 am Kettbaum aufnehmen und zur Weblinie ziehen, anschlagen, Schußfaden einlegen

– mit der nächsten Reihe sortieren beginnen usw.


Das Probestück war fertig, das Muster sah so aus wie auf der Abbildung im Buch, aber eins mußte ich noch ausprobieren: wenn das bei Ausgrabungen gefundene Band wirklich der Henkel einer Tasche war, muß es länger gewesen sein, als es sich auf einem Rahmen noch gut weben läßt. Die Taschen jener Zeit waren zum Umhängen gedacht, da braucht man mindestens ein Band von 1,5 m Länge, auch wenn die Menschen damals kleiner waren als heute. Bei einer Kette von 1,7 m Anfangslänge artet das in Sport aus, wenn man bei einem so großen Rahmen anfänglich  für jede Reihe aufstehen und weit hochlangen muß. Durch die vorigen Experimente hatte ich gelernt, daß sich bei Zickzacklinien das entstehende Fadenchaos an den Kreuzstäben auch wieder auflöst, zudem ist das Muster modular aufgebaut, so daß man immer nur die Fäden eines Musterstreifens beim Versetzen auf der Hand halten muß. Also eine Kette mit zwei gegenläufigen Zickzacklinien eingezogen und die Sache ausprobiert. Am Anfang war das ein ganz schöner Kampf mit den Fäden, unterhalb der  Kreuzstäbe wurde das Durcheinander immer größer und die Übersicht ging verloren. Nach einer Pause und Nachdenken hatte ich dann heraus, wie es geht: man muß sich direkt an der Weblinie orientieren, dort die Fadenpaare versetzen und das Fach 2 aufnehmen. Fehler passieren hier öfter, als wenn man mit Rahmen webt, aber aus diesen lernt man auch, worauf man achten muß und wie man die Fäden richtig hält. Trotz des entstehenden Durcheinanders an den Kreuzstäben kann man das dort durch den Einzug festgelegte Fach 1 als Rückreihe verwenden, da für das Muster die ganzen Fadenpaare versetzt werden und dabei keine Verdrehungen von Fach 1 und 2 untereinander entstehen. Dafür muß man manchmal die Kreuzstäbe etwas von sich weg schieben, um das Fach aufnehmen zu können. Bis jetzt habe ich mit versetzten Kettfäden nur mit glattem und relativ starken Baumwollgarn gewebt, bei dem die Fäden nicht aneinander hängen bleiben. Daß die Weberinnen in alter Zeit dieses mit dünnen Wollfäden konnten, davor habe ich großen Respekt. 


Das Weben auf dem Rahmen ging für ein breites Band mit Muster besser als wenn man die versetzten Fäden auf der Hand halten muß und so kam mir der Gedanke, das mit einem größeren Flechtmuster zu wiederholen. Hier zeigte sich, daß sich die versetzten Kettfäden beim Weben mehr verkürzen, als die Randfäden, die an ihrer Position bleiben. 


Die Randfäden wurden deshalb mit zwei Stäbchen nachgespannt. Das Flechtmuster habe ich so weit gewebt, wie es auf dem Rahmen ging und das Band danach auf dem backstrap-loom mit vier festen Seiten fertiggestellt. Mit dem starken Baumwollgarn ging das recht schnell und die etwas weniger gespannten Randfäden ließen sich in den Endschlaufen verstecken. 


Der Musterentwurf für diese Technik ist nicht ganz ohne, da man ständig alle vorhanden Fäden in einer Musterreihe verwenden muß und durch die paarige Anordnung der Fäden die Rückseite gleich ist. Man kann also nicht mal eine Farbe auf der Rückseite verschwinden lassen. Gut sieht man das an den kleinen Spitzen im Band aus Mojocoya, die das eigentlich regelmäßige Rhombenmuster unterbrechen. Die Rhomben haben nicht überall die selbe Breite und man mußte die überzähligen Fäden irgendwo unterbringen. Ich denke aber, daß das bei diesem Muster möglicherweise so gewollt ist, vor allem dann, wenn das Muster in seiner Bedeutung wirklich etwas mit den Sara-Mustern aus San Ignacio de Loyola in Peru gemeinsam hat. 

Für Neugierige sind hier noch die Quellen und etwas zum Weiterlesen:

(1) Annemarie Seiler-Baldinger: Systematik der Textilen Techniken, Baseler Beiträge zur Ethnologie, Basel 1991; S. 108-110

(2) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving; Thames and Hudson, London 2015; S. 155 – 165

(3) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: Lazos Forestales: Técnicas y diseños de los tirantes de bolsas personales de Mojocoya; Universidad Mayor de San Simón Cochabamba, Arqueoantropológicas Año 3, 2013; S. 59-92

(4) Ann Pollard Rowe: Warp-patterned weaves of the Andes, The Textile Museum Washington D.C., 1977; S. 104-105

(5) Nilda Callañaupa Alvarez: Textile Tradition of Chinchero: A living Heritage, Centro de Textiles Tradicionales del Cusco 2012; S. 105

(6) Penelope Dransart: A highland textile tradition from the far south of Peru during the period of Inka domination, in: PreColumbian Textile Conference VIII / Jornadas de Textiles PreColombinos VIII, 2020

Weben mit gekreuzten Kettfäden – crossed warp weave – Kursankündigung

Diese Technik der Musterbildung ist in Europa nahezu unbekannt. Hier kreuzt man zwar auch Kettfäden, z.B. am Webstuhl, um eine Dreherbindung zu bekommen, das Ergebnis ist aber mehr Struktur als Muster. In Peru und Bolivien webt man ohne besondere Hilfsmittel mit dieser Technik Bänder für verschiedene Zwecke. Es ist eine der ersten Webtechniken, die Kinder dort erlernen.

Am 18. und 19 Januar 2025 möchte ich diese Technik in einem Webkurs im Museum „Die Weberei“ in Oederan vermitteln. Hier kann das Anmeldeformular und Kursprogramm heruntergeladen werden. Außerdem werde ich am 1. März 2025 diesen Kurs noch einmal in der Webschule Großschönau (hier) halten. Neben der Vermittlung der Technik gibt es im Kurs auch eine umfangreiche deutschsprachige Anleitung für die Teilnehmer.

Das sehr schöne Anleitungsbuch von Marieke Kranenburg aus den Niederlanden, das es bei Etsy auf Niederländisch und Englisch gibt, hat mich ein bißchen zum Spielen mit dieser Webtechnik gebracht. Die Muster, die in diesem Buch vorgestellt wurden, haben mich sehr an „Pebble Weave“, also an Komplementärmuster, erinnert. Voraussetzung zum Umsetzen dieser Muster in die Technik mit gekreuzten Kettfäden ist, daß die Muster an der Horizontalen gespiegelt sind.

Da ich in einem Post die Muster aus Q’ero beschrieben hatte, kam ich auf den Gedanken, diese streng symmetrischen Muster als crossed-warp zu weben. Komplementär sind sie dann nur noch in der Richtung der Kettfadenkreuzungen, was zu interessanten Effekten auf der Unterseite führt.

Das Band oben zeigt, für die Technik der gekreuzten Kettfäden stark vereinfacht, die Q’ero-Motive für Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Das Motiv für die Sonne am Mittag, was aus einer Hälfte Sonnenaufgang und einer Sonnenuntergang besteht, kann man mit der Technik der gekreuzten Kettfäden so nicht weben.

Aber ein ähnliches Muster, welches auch die Sonne am Mittag zeigt, geht, das Hatun-Inti-Motiv aus der Palma y Ramos Technik. Dieses enthält im Original horizontale Linien, die mit gekreuzten Kettfäden nicht möglich sind. Also wird das Muster vereinfacht und auf die geringere Kettfadenzahl angepaßt.

Um so ein komplexes Muster zu weben, muß man Reihen auf Stäbchen ablegen, in diesem Fall zehn Stück. Man braucht also Platz, bis ans Ende einer Kette schafft man es mit diesen Mustern nicht.

Das Band oben ist aus handgesponnener Wolle und mit Pflanzen sowie Cochenille gefärbt. Trotz der festen Verzwirnung mußte ich beim Weben sehr aufpassen, um nicht die Kettfäden zu ruinieren. Wenn man die Verflechtungen von den Stäbchen in Richtung der Weblinie bekommen möchte, nimmt man bei Wolle am besten jedes obenliegende Fadenpaar einzeln in beide Hände und zieht es nach oben, auseinander und zu sich hin. Damit verhaken sich die miteinander verdrehten Kettfäden beim Öffnen des Fachs nicht so. Bei glatter Baumwolle reicht es, das Stäbchen langsam zur Weblinie zu ziehen.

Bei den hier gezeigten Bändern wurden die Fäden in Vierergruppen (zwei Fadenpaare) miteinander verflochten. Es gibt aber noch eine Technik für das Verflechten von jeweils sechs Fäden, die Adele Cahlander 1978 in ihrem Artikel „Bolivian Tubular Edging and Crossed Warp Techniques“ als Einfassung für größere Webstücke, ähnlich einem ñawi awapa, aber als flaches Band, beschrieben hat. Diese möchte ich in einem nächsten Post beschreiben und eine Anleitung dafür geben.

Neugierig geworden? Hier sind noch ein paar Sachen zum Weiterlesen und Anschauen:

(1) Adele Cahlander, Marjorie Cason, Ann Houston: Bolivian Tubular Edging and Crossed-Warp Techniques; The Weavers Journal, Boulder, Colorado; 1978

(2) Marijke van Epen: Bandjes in kettingkruisen in Handwerk zonder Grenzen Nr. 2; 1995

(3) Marieke Kranenburg: Crossed warp technique on the inkle loom; PDF auf Etsy; August 2022

(4) Denise Y. Arnold, Elvira Espejo: The Andean Science of Weaving Structures and Techniques of Warp-faced Weaves; Thames & Hudson, London 2015

(5) https://www.fascinatingbraids.com/crossedwarp.html mit Anleitung (englisch) und Video

(6) https://www.bandweefblog.nl/2022/vinkje/  mit Link zum Etsy-Shop für (3)

Palma y Ramos

Palme und Zweige – das erinnert doch zuerst an den Palmsonntag (spanisch: domingo de ramos) und nicht an eine Webtechnik. Aber so heißt eine Mustertechnik aus Peru, bei der die Fäden für ein zweifarbiges Komplementärgewebe auf eine spezielle Art und Weise eingezogen werden.

Das erste Mal fielen mir die Muster in einem Buch von Nilda Callañaupa Alvarez (2) auf. Dort ist nur ein Teil eines Musters abgebildet, aber die klare Linienführung und Regelmäßigkeit im Aufbau sowie die augenscheinlich sehr hohe Fadenzahl haben mich neugierig gemacht. Verwirrend war allerdings die Schreibweise in dem Buch: „Palmay Ramos“, dafür gab es keine richtige Übersetzung, weder auf Spanisch noch Quechua. Also ein bißchen suchen, im Internet wurde ich schnell fündig, in der Zeitschrift Andina aus Peru gab es einen Artikel über die Aufnahme der traditionellen Webtechniken aus Pitumarca in das Nationale Kulturerbe Perus.

Aus dem Artikel in (3): Otra técnica es la de palma y ramos, cuyo nombre deriva de que el tejido resultante sea usado en la Pascua. Esta técnica es urdida con dos o tres colores de hilos dispuestos en cinco pares por fila, dando un total desde 25 hasta más de 150 pares, incluyendo hasta dos tramas. La técnica se caracteriza por contener el motivo del hatun inti o sol de soles, en referencia a la figura del Inca, empleada desde la época colonial.

Übersetzung: Eine andere Technik ist Palma y Ramos, deren Name von der Tatsache herrührt, dass das entsprechende Gewebe zu Ostern verwendet wird. Bei dieser Technik werden zwei- oder dreifarbige Fäden in fünf Paaren pro Gruppe gewebt, was insgesamt 25 bis mehr als 150 Paare ergibt, einschließlich bis zu zwei Schussfäden. Die Technik zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Motiv des Hatun Inti oder der Großen Sonne enthält, in Anlehnung an die seit der Kolonialzeit verwendete Figur des Inka.

Das war spannend, eigentlich weben nur die Menschen aus Q’ero große Sonnenmotive, dachte ich bisher. Pitumarca ist ca. 60 km Luftlinie entfernt von Q’ero, dazwischen liegt ein hoher Gebirgsabschnitt. Noch interessanter war, daß offensichtlich der Einzug der Fäden bei den dreifarbigen Geweben aus Q’ero dem der zweifarbigen Palma-y-Ramos-Gewebe aus Pitumarca entspricht. Das nämlich, im Gegensatz zu obigem Zitat, die Komplementärpaare alle vier Fäden die Farbe wechseln.

Mir fiel da etwas ein: irgendwo hatte ich die zweifarbigen Sonnenmotive schon einmal gesehen. Im Buch „Hidden Threads of Peru“ auf Seite 28 ist eine Lliklla (Manta) mit diesen Motiven abgebildet, die aus aus Ch’ilka, einem heutigen Ortsteil von Pitumarca stammt.

Lliklla aus Ch’ilka, wie Abb. 1.6 aus (1); befindet sich im Textile Museum in Washington

Ann P. Rowe schreibt dazu: „Some distance southeast of the Q’ero cultural area is another zone of glaciated mountains including the impressive Mt. Ausangate, and on the other side of this is another cultural area, centering on the village of Ch’ilka. Despite the mountains barrier, people from Ch’ilka come to Q’ero at the time of the maize harvest to exchange alpaca and llama meat and fiber for maize (Fig. 1.6). The village of Pitumarca, at a lower elevation to the west of Ch’ilka, has a close relationship with Ch’ilka …

Etwas südöstlich des kulturellen Einflußgebietes von Q’ero befindet sich eine weitere Zone vergletscherter Berge, darunter der beeindruckende Berg Ausangate, und auf der anderen Seite davon befindet sich ein weiteres kulturelles Gebiet, dessen Mittelpunkt das Dorf Ch’ilka ist. Trotz der Hochgebirgsbarriere kommen Menschen aus Ch’ilka zur Zeit der Maisernte nach Q’ero, um Fleisch und Wolle von Alpakas und Lamas gegen Mais einzutauschen (Abb. 1.6). Das Dorf Pitumarca, tiefer gelegenund westlich von Ch’ilka, hat eine enge Beziehung zu Ch’ilka, …“

Ch’ilka, auch Chillka oder Chillca geschrieben, gehört heute zu Pitumarca. Da war sie also, die textile Verbindung zwischen Q’ero und Pitumarca, neben dem regelmäßigen Austausch von Lebensmitteln zwischen den Orten erfolgte sicher auch ein Austausch textiler Kenntnisse. Die heutigen Weber von Pitumarca scheinen die Palma-y-Ramos-Technik in ihr Repertoire textiler Techniken aufgenommen zu haben, und zwar so gut, daß die Technik im Verzeichnis des nationalen Kulturerbes erscheint.

Es gibt nur sehr wenige Bilder solcher Textilien im Internet, scheinbar ist das Interesse daran nicht sehr groß oder es gibt – im Gegensatz zu anderen in Pitumarca verwendeten Techniken – keinen Markt dafür, aus welchen Gründen auch immer.

Einige Bilder mit dieser Technik findet man auf dem Instagram-Account von Alepio Melo, einem sehr engagierten und talentierten jungen Weber aus Pitumarca. Ich hoffe, Herr Melo nimmt es mir nicht übel, wenn ich hier ein Bild seiner Arbeit zeige:

Abby Franquemont aus den USA, die ihre Kindheit als Tochter von Ethnografen in Chinchero in der Nähe von Cusco verbracht hat und dort die traditionelle Weberei lernte, schrieb 2008 über Palma y Ramos, das diese Technik von den wenigen Weberinnen, die das damals konnten, als schwierig angesehen wurde und kommentierte selbst: „…And Palmay Ramos is weaver´s madness…“

Naja, bezogen auf die hohen Fadenzahlen der Muster ist das schon der Wahnsinn, Alepio Melos Tuch oben hat über 300 Musterfäden. Ganz so schwierig wie es scheint, ist das Weben aber nicht, die Erfinder waren jedoch unglaublich clever, was den Musterentwurf angeht. Fangen wir mal an!

In meinem vorigen Post habe ich die Mustertechnik aus Q’ero beschrieben, mit dem ungewöhnlichen Einzug der Komplementärpaare, hier nochmal zur Erinnerung:

Die Muster aus Q’ero sind dreifarbig, die Palma-y -Ramos-Muster haben nur zwei Farben. Eingezogen werden sie so:

Die Anzahl der Vierergruppen ist beliebig, je nach Größe des Musters. In meinem gewebten Beispiel der Muster von der Lliklla aus dem Textile Museum sind es 104 Musterfäden. Ein Webbrief sieht so aus:

Es fällt auf, daß sich die bereits in Litzen- und Rollenfach eingezogenen Musterreihen auch regelmäßig im Webbrief wiederfinden. Bei den Mustern aus Q’ero war das genauso, diese waren so entworfen, daß man alle drei Reihen das Fach weben kann wie es erscheint und nicht einlesen muß. Bei Palma y Ramos muß man nur jede zweite Reihe einlesen, kann aber, wenn man zum Muster noch Randfäden in Leinenbindung hinzufügt, nur ein Fach und das alle vier Reihen weben, wie es erscheint. Hier eine Übersicht mit einem Musterausschnitt, wie man das machen muß:

Musterbereich und Randbereich werden beim Weben unterschiedlich behandelt, um zu erreichen, daß die in einfacher Leinenbindung in Litzen und Rolle eingezogenen Randfäden in der richtigen Reihenfolge abbinden.

Da die Muster ziemlich gleichförmig aufgebaut sind, kann man, wenn man die Technik einmal verstanden hat, nur nach dem Foto eines Musters weben, wie ich es hier getan habe.

Da eine geschriebene Erklärung zu dieser Webart nur zu Verwirrung (weaver´s madness) führen würde, habe ich zwei Videos mit erklärenden Texten (deutsch und englisch) gemacht, wo man sich das Weben ausführlich ansehen kann. Das Einlesen der Muster direkt an der Weblinie erscheint auf den ersten Blick schwierig, wird aber durch die wechselnden Farben der Komplementärpaare sehr unterstützt. Die Videos sind lang, da sie das komplette Einlesen zweier Musterreihen zeigen, aber ich denke, Geduld und Konzentration sind die Grundvoraussetzungen, um das überhaupt weben zu können.

Bei Problemen mit der Wiedergabe der Videos bitte die Links benutzen!

Link zum deutschsprachigen Video

For English speaking weavers, please use this link

Für Hinweise von meinen Lesern, wo es noch mehr Bilder dieser Technik gibt oder sogar eine Beschreibung oder Videos, wie genau die Weber in Peru das machen, wäre ich sehr dankbar!

Kleiner Nachtrag:

Das gewebte Stück Stoff habe ich in ein Kleid aus Wollwalk genäht.

Hier ist noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

(2) Nilda Callañaupa Alvarez: Secrets of Spinning, Weaving and Knitting in the Peruvian Highlands

(3) andina.pe; 09.05.2018: Conocimientos del tejido tradicional de Pitumarca son Patrimonio Cultural de la Nación

Versteckte Fäden – drei Farben, zwei Fächer Teil 2

Always the Sun – dieses Lied von den Stranglers kommt einem in den Sinn, wenn man das erste Mal die geradezu plakativen Sonnenmotive auf den zeremoniellen Ponchos aus Q’ero sieht. 

Q’ero liegt im Andenhochland Perus, etwa 80 km Luftlinie nordöstlich von Cusco nahe der Kleinstadt Ocongate. 

Durch seine abgeschiedene Lage haben sich überlieferte Webtechniken und die Verwendung traditioneller Bekleidung dort länger gehalten, als in seiner weiteren Umgebung. 

Bewohner von Q’ero werden wegen ihrer Kleidung von den Menschen der benachbarten Orte sofort als solche erkannt, da die Muster sich deutlich von allen andern in Peru verwendeten Webarten unterscheiden. 

Eine Besonderheit der Muster aus Q’ero ist, daß bei Dreifarbengeweben mit gestuften Diagonalen alle drei Farben in einer Reihe des Musters verwendet werden. 

Natürlich wird nicht nur die Darstellung der Sonne gewebt, die Motive der Muster sind vielfältiger. Ein häufig verwendetes Muster heißt Chunchu, auf Quechua ist das eine respektlose Bezeichnung für einen Bewohner des (Amazonas-)Tieflandes. Bei uns würde man vielleicht sagen: „Wilder Mann“ und es würde für Unzivilisiertheit und Barbarentum stehen. So ist das bei diesem Motiv aus Q’ero aber nicht gemeint, das Motiv symbolisiert den letzten Inka, der laut einer Erzählung der Menschen aus Q’ero irgendwann zurückkehrt und die Indigenas von den Eroberern befreit. Der Inka wird als Mann mit Federkrone dargestellt oder als Kopf mit Federkrone, aus dem Wurzeln sprießen. Ein Zusammenhang mit Götterdarstellungen der vorspanischen Zeit ist vielleicht möglich. Die heute verwendeten Chunchu-Muster sind stark abstrahiert und bestehen nur noch aus den Elementen der Federkrone. Eine ausführliche Beschreibung der Muster aus Q’ero und ihre Bedeutung findet man in (1).

Die Chunchu-Muster können mit dem selben Einzug gewebt werden, wie in Teil 1 dieses Beitrags beschrieben wurde, also ein Fach mit der hellen Grundfarbe und ein Fach mit beiden Musterfarben parallel. Alle drei Farben werden in einer Reihe gleichzeitig verwendet. Webbrief und Webregeln entsprechen der Beschreibung aus dem vorherigen Post. Man muß hier vor allem beim Aufnehmen der Musterfarbe zusätzlich zur hellen Grundfarbe mehr aufpassen, welche Farbe auf der Unterseite ist. . Einen Webbrief für ein Muster mit 48 Fäden zeigt folgendes Bild:

Sind die Chunchu-Motive allerdings so abstrakt wie auf dem oben gezeigten Bild des Flötenspielers und bestehen fast nur noch aus Diagonalen, kann man auch den nachfolgend beschriebenen Einzug für die Inti-Motive verwenden. 

Die für Q’ero charakteristischen Sonnenmotive sind deutlich anspruchsvoller in der Webtechnik als der Chunchu. Durch die in jeder Reihe verwendeten drei Farben und durch die spezielle Struktur der Muster gibt keine feste Regel mehr, in welcher Reihe man z.B. bei den Musterfarben einen Faden oder alle beide aufnimmt. Ann Pollard Rowe hat in ihrem Buch „Hidden Threads of Peru“ (2) eine Zeichnung (Fig. 3.18) veröffentlicht, die die Struktur eines Ausschnitts der Q’ero-Gewebe zeigt. Ich habe diese Struktur umgezeichnet und den Webbrief daneben gelegt. 

Es ist gut zu sehen, daß sich die gerade nicht gebrauchte Farbe wie bei der in Teil 1 beschriebenen Webart unter den Flottierungen der Motivfarbe versteckt. Das erreicht man, indem man wie bei den Mustern mit blockweisem Farbwechsel die Farbe, die nicht auf der Unterseite des Gewebes erscheinen soll, zusammen mit dem Faden der Grundfarbe aufnimmt, in der Regel in der Mitte einer Dreierflottierung. Bildet eine Musterfarbe auf der Oberseite Dreierflottierungen, wird die nicht gebrauchte Musterfarbe an den beiden Enden der Flottierung nach oben geholt. Das ist zunächst einmal genau dasselbe wie beim blockweisen Farbwechsel, nur passiert das eben nach Bedarf und nicht im regelmäßigen Rhythmus alle zwei Reihen. 

Um mir das Weben zu erleichtern, habe ich in den Webbriefen dargestellt, wie die Fäden der Muster- oder Grundfarbe jeweils zu behandeln sind. Die farbigen Kästchen haben Markierungen, ähnlich wie die Reihen mit dem horizontalen Strich in den Webbriefen aus dem vorherigen Beitrag. 

Man sieht, daß nicht nur die Art zu weben besonders ist, auch der Einzug der Fäden in die zwei Fächer unterscheidet sich von den Geweben mit blockweisem Farbwechsel. Es werden immer vier Fadentripel hell / 2 Musterfarben (an Anfang und Ende 2) eingezogen, dann wechseln die Musterfarben und die Grundfarbe das Fach, wieder für 4 Tripel usw. 

Dieses Bild zeigt die leinenbindigen Abschlußreihen eines Tuches mit vier festen Kanten, man sieht gut, wie die Fäden in den zwei Fächern zueinander liegen. Auf einen Versatz der Reihen zueinander hat die Weberin hier verzichtet:

Der Grund für diesen Einzug ist der Aufbau der Muster, hier mal ein vollständiger Webbrief und das entsprechende Gewebe daneben:

In diesem Fall hier sind die gestuften Diagonalen als Paare ausgeführt, die Muster sind so aufgebaut, daß man alle drei Reihen die Reihe so weben kann, wie sie in das entsprechende Fach eingezogen ist. Das spart viel Zeit, da in diesen Reihen nicht eingelesen werden muß. Bei mehreren hundert Musterfäden pro Reihe in einem Poncho kommt da einiges zusammen. 

Mit diesem Einzug kann man aber noch mehr machen, zum Beispiel farblich komplementäre Muster abwechselnd hintereinander weben:

Die letzte Reihe in einem Muster ist hier eine, in der man nichts einlesen muß. Nach dem Fachwechsel beginnt man das farblich komplemetäre Muster wieder mit einer solchen Reihe. Damit umgeht man elegant die Bildung zu langer Flottierungen beim Musterwechsel.

Die Diagonalen im Muster kann man feiner weben, wenn sie nicht als Paare, sondern einzeln ausgeführt werden. Die Umzeichnung ist von einer Abbildung aus (2). Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus einer Lliklla, die sich im Bestand des Textile Museum Washington befindet: 

Den Einzug muß man dann entsprechend ändern, also nicht 4 Tripel immer abwechselnd einziehen, sondern nur zwei, an Anfang und Ende nur einen. Das erinnert etwas an die Grundmusterreihen bei Pebble-weave, nur eben mit drei Farben. Auch hier kann man sich alle 3 Reihen das Einlesen des Musters ersparen. 

Bis jetzt gab es bei den Sonnenmustern klare Verhältnisse, das Motiv in der Mitte hat eine andere Musterfarbe als die Diagonalen außen herum. Diese Muster zeigen den Sonnenaufgang (weiße Grundfarbe bildet den Rahmen um das mittlere Motiv und strebt nach außen) oder den Sonnenuntergang (Grund- und Musterfarbe sind vertauscht). Möchten die Q’eros Hatun Inti, die Sonne am Mittag, darstellen, wird das Motiv in der Mitte geteilt. Die rechte Seite besteht aus dem Motiv Sonnenaufgang, die linke zeigt den Sonnenuntergang. Nicht nur die Farben sind in jeder Hälfte anders, auch Grund- und Musterfarbe sind vertauscht. Wer mehr über die Verwendung und Bedeutung der Sonnenmotive erfahren möchte, sie sind ausführlich im Buch (1) „A Woven Book of Knowledge“ von Gail Silverman beschrieben. 

Bei diesem Motiv kann man nicht mehr jede dritte Reihe so weben, wie sie eingezogen wurde. In einer Hälfte des Motivs muß man statt der aktuellen Farbe die dazu komplementäre Farbe aus dem jeweils anderen Fach einlesen. Mit einem Einlesekreuz geht das aber sehr schnell. Die Weberinnen aus Q’ero benutzen kein Einlesekreuz, es ist auch nicht unbedingt notwendig. Durch die alle zwei oder vier Fäden wechselnden Farben im gerade geöffneten Fach sieht man die Komplementärpartner zum Einlesen ziemlich gut auch so. Wenn man selber Gewebe herstellen will, die vier feste Seiten haben, die Kette also vollständig ausgenutzt wird, sollte man das Einlesen ohne Kreuz öfter mal üben, um ein Muster auch bei wenig Platz zum Einlesen aufnehmen zu können.  

Der Sonnenaufgang liegt beim Blick auf das Muster vom Betrachter aus gesehen rechts . Verkehrt herum, könnte man aus unserer Sicht hier in Europa meinen, ist aber nicht so. Q’ero liegt südlich des Äquators, die Sonne steht im dortigen Winterhalbjahr mittags im Norden, im Sommerhalbjahr im Süden. Das folgende Bild zeigt den Sonnenstand im April am frühen Morgen in Cusco. 

Was Darstellungen der Sonne manchmal mit Palmen zu tun haben und wie die Einzüge für die Q’ero-Muster auf einmal wo ganz anders auftauchen möchte ich dann im nächsten Beitrag erläutern.

Hier noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Gail Silverman: A Woven Book of Knowledge – Textile Iconography of Cuzco, Peru

(2) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

(3) Uwe Carlson, Heiko Diestel: Erde, Wasser, Mensch und Götter – Leitsymbole in textilen Meisterwerken des alten Peru

Versteckte Fäden – drei Farben, zwei Fächer Teil 1

Zugegeben, der Titel ist teilweise gemaust. „Hidden Threads of Peru“ heißt ein Buch von Ann Pollard Rowe und John Cohen (3), das sich mit den Textilien der abgelegenen Andengemeinde Q’ero in Peru beschäftigt. Die Autoren beziehen sich bei dem Titel ausdrücklich auf ein Merkmal der Mustertechnik aus Q’ero: nicht für das Muster gebrauchte Fäden werden unter Flottierungen versteckt. 

Es gibt in den Anden einige doppelseitige Mustertechniken mit drei Farben, die auf dem selben Prinzip beruhen wie die Gewebe aus Q’ero, allerdings werden bei diesen pro Reihe nicht alle drei Farben gleichzeitig verwendet, sondern nur zwei davon. Die dritte Farbe erscheint als Grundfarbe auf der Rückseite. 

Ein Band mit solchen Mustern webe ich gerade:

Die dreifarbige einseitige Webart „pebble-weave“, die von den Inkas verwendet wurde, beruht auf einem ähnlichen Prinzip wie die weiter unten beschriebene Technik, kann jedoch alle drei Farben in einer Reihe verwenden und soll hier nicht betrachtet werden. (1)

Tasche aus Pachacamac, Inka

Schon 1976 hat Adele Cahlander in ihrem Anleitungsbuch für Webtechniken aus Südamerika ((1), Band 4 zweifarbig und Band 20 dreifarbig) das Prinzip der gestuften Diagonalen beschrieben, mit dem sich komplementäre dreifarbige Muster mit nur 2 Schäften doppelseitig weben lassen. Diagonale Linien im Muster werden dabei nicht wie bei pebble-weave durch den einfachen Versatz von zwei nebeneinander liegenden Fäden derselben Farbe gebildet, sondern durch das Versetzen von über drei Reihen flottierenden Fadenpaaren einer Farbe. Klingt erst einmal kompliziert, ist es aber nicht, so sieht das aus:

Ann Pollard Rowe hat 1977 in ihrem Buch „Warp-Patterned Weaves of the Andes“ (2) eine Darstellung des Fadenlaufs der dreifarbigen Muster mit gestuften Diagonalen veröffentlicht, auf der zu sehen ist, wie die bei blauen Flottierungen gerade nicht gebrauchte dritte Farbe (hier rot) in jeder Reihe mit abgebunden wird. Damit „versteckt“ sich die im Beispiel nicht gebrauchte rote Farbe unter den Flottierungen von blau, sie bildet die Grundfarbe auf der Rückseite des Gewebes.

Umzeichnung der Darstellung aus (2) mit daneben liegendem Webbrief

In Peru, speziell in der weiteren Umgebung von Cusco, gibt es zahlreiche Motive mit drei Farben, die in dieser Technik gewebt werden. Sie sind eine Erfindung der neueren Zeit. Belege dafür, daß diese Technik schon in vorspanischer Zeit gewebt wurde, sind nicht vorhanden. Die Musterfarben wechseln blockweise, werden also nicht beide in einer Reihe verwendet. Das gilt auch dann, wenn das Muster revers gewebt wird, also Grund- und Musterfarbe vertauscht werden.

Wenn man das Weben dieser dreifarbigenMuster erlernen möchte, sollte man solide Kenntnisse in den zweifarbigen Komplementärtechniken haben, pebble-weave oder etwas gleichartiges also problemlos weben können.

Der Einzug für die zweischäftigen  Muster mit gestuften Diagonalen ist folgender: 

In einem Fach sind die Einzelfäden der Grundfarbe, im anderen Fach die Paare der Fäden für das Muster. Welches Fach man beim Gurtwebgerät in die Litzen einzieht und welches über die Rolle läuft, hängt von den Vorlieben der Weberin ab, es gibt keine feste Regel. Möchte man allerdings bei größeren Mustern und zahlreichen Horizontalen in einer Musterfarbe  die Paare noch einmal mit Litzen trennen, ist es besser, wenn das Fach mit den Musterfarben über die Rolle läuft. 

Jeweils ein Faden der Grundfarbe (hier grau) ist komplementär mit einem Fadenpaar der Musterfarben (hier blau und rot), entsprechend werden die Muster wie bei anderen solchen Techniken (z.B. pebble-weave) nach Webbrief eingelesen. 

Für das Weben mit gestuften Diagonalen in drei Farben gibt es spezielle Webbriefe, da die Technik des Einlesens nur alle zwei Reihen gleich ist. Hier ein Beispiel mit 34 Musterfäden:

Den Webbrief liest man so:

Reihen mit horizontaler Linie – Musterfarbenpaare oben

– egal welche Farbe das Muster im Webbrief hat, die Musterfarbe wird als Paar aufgenommen

– nimmt man eine Grundfarbe von unten auf, läßt man dafür nur den im Muster nicht verwendeten Farbfaden fallen, der Faden in der aktuellen Musterfarbe des Blocks bleibt zusammen mit dem heraufgeholten Faden der Grundfarbe oben

Reihen ohne horizontale Linie – Grundfarbe oben

– die Grundfarbe wird aufgenommen, wie sie erscheint

– die Musterfarbe wird als Einzelfaden der dargestellten Farbe von unten aufgenommen, die dazu komplementäre Grundfarbe wird fallengelassen, die zweite Musterfarbe bleibt unten

Ein kurzes Video zeigt das Einlesen in beiden Fächern:

Wechselt man im Muster zu einem Block mit der anderen Musterfarbe, im Video oben von rot nach blau, ist es zweckmäßig, einmal die gesamten Musterfäden der neuen Farbe auszulesen und nach oben zu ziehen, gut anzuschlagen und bis zum nächsten Fachwechsel einen Faden darunter zu legen. Im Video ist der Faden zu sehen. Das sorgt dafür, daß der Wechsel auf die neue Musterfarbe vollständig erfolgt und sich nicht eine Horizontale mit zwei Farben zugleich bildet. 

Auf diesem Foto ist zu sehen, wie man sich das durch zusätzliche Litzen für die Farbfäden leichter machen kann. Die zwei dafür erforderlichen Litzenstäbe sitzen direkt an der Fachrolle. Eine Schnur liegt zusätzlich unter der Farbe, die gerade verwendet wird und hält diese auf der Oberfläche.

Je nach verwendetem Material der Kette sieht man im Muster auch immer einmal die Farbe, die man eigentlich in diesem Block nicht wollte. Das kann an leichten Unterschieden in der Fadenspannung liegen oder daran, daß man die zwei nebeneinander liegenden verschiedenfarbigen Musterfäden miteinander verdreht hat. Auch wenn man die Farbe eines Blocks wechselt, kommt vor allem bei Baumwolle die andere Farbe mit hoch. Es ist eben kein Doppelgewebe. Betrachtet man das Muster aus einiger Entfernung, fallen solche kleinen Unregelmäßigkeiten kaum auf. 

Im zweiten Teil über die Dreifarbtechniken mit gestuften Diagonalen möchte ich dann zeigen, wie man die Muster aus Q’ero einzieht und webt. 

Hier noch etwas zum Weiterlesen:

(1) Marjorie Cason, Adele Cahlander: The Art of Bolivian Highland Weaving

(2) Ann Pollard Rowe : Warp-Patterned Weaves of the Andes

(3) Ann Pollard Rowe, John Cohen: Hidden Threads of Peru – Q’ero Textiles

Tiklla – Gewebe mit unterbrochenen Kettfäden

Partialkettengewebe – was für ein sperriges Wort -, so heißt Tiklla auf Deutsch. Auf Quechua ist es die Bezeichnung für eine spezielle Gewebeart, die an der vorspanischen südamerikanischen Pazifikküste und/oder im Andenraum erfunden wurde und weltweit einzigartig ist. Im Gegensatz zu in Europa und Asien gebräuchlichen Webarten gehen die Kettfäden hier nicht durch das ganze Webstück, sie sind mindestens an einer Stelle in der Horizontalen unterbrochen und wechseln die Farbe. Auf unseren heute benutzten Webrahmen und Webstühlen ist das bis auf wenige Ausnahmen kaum machbar, auf den in den Anden verwendeten einfachen Webgeräten aber schon.

kleines Tuch mit vier Farbflächen

Archäologische Funde aus Peru und Kolumbien belegen, daß es diese Gewebe seit ca. 300 n. Chr. gibt. Sie wurden oft aus Baumwolle gefertigt, zur Inka-Zeit auch aus Wolle von Alpaka und Vicuña. Ein Vorteil dieser Webart war, daß die Bewohner der heißen Küstenregionen am Pazifik dünne und flexible, leinenbindige Gewebe mit klar abgegrenzten Farbflächen herstellen konnten. Mit einem Schußrips hätte man zwar auch Farbflächen weben können, diese Gewebe werden aber viel dicker und steifer. Manche Gewebe aus vorspanischer Zeit sind mit einem kaum vorstellbaren Arbeitsaufwand entstanden, sie sind z.T. so kompliziert, daß sie nur mit der Nadel auf einem Fadengerüst gewebt wurden, wobei der Schußfaden zur Kette werden konnte und umgekehrt. Die Techniken mit Fadengerüst werden heute nicht mehr angewendet, der Name „Scaffold weave“ für Tiklla in englischsprachigen Publikationen beinhaltet aber noch das dafür notwendige „Gerüst“ .

Tunika aus der Siguas/Nazca-Kultur

Die Technik der unterbrochenen Kettfäden wurde bis in die Inka-Zeit hinein angewendet, das Aussehen dort aber auch häufig durch Bildwirkerei imitiert. Die Inka-Weber hatten gelernt, sehr feinfädige Textilien mit bis zu 100 Schußfäden pro cm (!) in Gobelintechnik herzustellen.

Inka-Tunika mit unterbrochenen Kettfäden im schwarz-weißen Abschnitt und Mustern in Bildwirkerei darüber

Tiklla war im letzten Jahrhundert in Peru kurz davor, in Vergessenheit zu geraten. Nur in abgelegenen, noch sehr traditionell lebenden Gemeinschaften wie bei den Bewohnern von Q’ero in den Hochanden und im bekannten Weberort Pitumarca hatte sich diese Technik erhalten.

John Cohen, ein US-amerikanischer Fotograf, Filmemacher und Musiker hat 1977 die Herstellung einer Kette für ein Tiklla-Tuch in der Gemeinde Q’ero fotografisch dokumentiert. Ein Teil seines Buches „Past. Present. Peru.“ ist der traditionellen Weberei im Peru Mitte des 20. Jahrhunderts gewidmet und enthält großartige Fotos und auf beiliegender DVD auch Videoaufnahmen über das Weben mit einfachsten Mitteln.

Die Weber aus Pitumarca haben Tiklla mit ihren Mantas zur Perfektion gebracht. Es werden nicht nur verschiedene Farbflächen in der unterbrochenen Kette gewebt, sondern es werden auch die Musterbereiche unterbrochen und farblich abgeändert.

Manta aus Pitumarca in Tiklla-Technik mit Musterbereichen; Kette im Foto horizontal

Zum Verkauf an Touristen werden Tiklla-Gewebe mit Chakana-Design hergestellt, die oft in US-amerikanischen Schamanen-Shops landen. Naja, wenn es dem Erhalt des Handwerks hilft…

neuzeitliches Tuch mit Chakana-Design, 7 Trenn- und Litzenstäbe waren dafür nötig

Die indigenen Bewohner Perus benutzen quadratische Tücher in Tiklla-Technik mit vier Farbflächen in Ritualen zu Ehren der Pachamama, der Apus und anderer göttlicher Wesen. Daran sollte man mit Respekt denken, wenn man so etwas in der Hand hat oder sich selber am Weben eines solchen Tuches versucht.

Traditionelle Tiklla-Gewebe haben vier feste Seiten, man braucht also Geduld. Die Kette wird mit Fadenkreuz (also in 8-Form) entweder auf einem an sechs Pflöcken am Boden befestigten Horizontalwebgrät geschärt oder auf einem speziell dafür angefertigten Gestell.

Die folgenden Bilder zeigen die einzelnen Schritte der Herstellung einer Kette für ein vierfarbiges kleines Tuch von 50 cm Länge und 40 cm Breite.

In Peru sind beim Schären einer Kette zwei oder drei Frauen beteiligt, das geht wesentlich einfacher und schneller, als wenn man sich alleine mit Klammern als dritte Hand behelfen muß.

Bei dem Tuch oben wurden die Kettfäden nicht so dicht gesetzt, daß sie den Schußfaden völlig verdecken. Die Schußfäden gehen daher jeweils nur bis zur Mitte des Webstücks, sind dort an ihrem Umkehrpunkt ineinander verhängt und haben die gleiche Farbe wie die Kettfäden.

Bei einer Unterbrechung des Kettfadenverlaufs braucht man für die Fachbildung auf jedem Kettfadenabschnitt einen Litzenstab und eine Fachrolle, man muß also mindestens zwei Litzenstäbe einziehen.

Angewebt mit je einem Litzenstab pro Feld, der Trennstab kann herausgezogen werden

Hat man die Kette an den Stäben des Gurtwebgeräts befestigt und die Litzen angebracht, webt man zunächst von jedem Stab aus ein Stück an. Der Stab, der die Unterbrechung der Kette und die Trennschnur hält, bleibt erst einmal in der Kette. Man kann ihn direkt nach dem Anweben entfernen oder auch erst die Hälfte des Kettabschnitts weben und ihn dann herausziehen. Die Schnur bleibt dabei natürlich drin! Bei Baumwolle ist es besser, den Stab gleich nach dem Anweben herauszunehmen, um horizontale Rippen im Gewebe durch das Gleiten der Kettfäden um den glatten Trennstab zu vermeiden. Ist der Trennstab herausgenommen, webt man von der Mitte, also von der Schnur aus, nach beiden Seiten an. Die auf der Schnur liegenden äußeren Kettfadenschlaufen haben die Tendenz, nach außen wegzurutschen, also die Schnur lang genug machen. Die Schnurenden werden im ersten Fach beim Anweben auf der Schnur mit eingelegt und sichen so die außenliegenden Schlaufen der Kettfäden.

Ein Muster, das in der Mitte des Tuches gut zu sehen sein soll, beginnt man direkt an der Schnur. Die Enden an den Kettbäumen werden nur 1 cm angewebt, um die richtige Breite des Gewebes einzustellen. Eventuell verwendet man einen Schußfaden, den man später wieder leicht entfernen kann. Danach wird das Gewebe gedreht und man webt von der Schnur aus nach den Enden zu. Beim Original des Tuchs im folgenden Beispiel waren die Altvorderen clever: statt von der Mitte bis ganz zum Ende am Kettbaum zu weben, haben sie das Ende mit einem Band in Zwirnbindung versehen. Das läßt sich auf dem letzten Zentimeter besser anbringen, als wenn man bei einer Fadenstärke von ca. Nm10 und reichlich 1000 Fäden auf 40 cm Breite mit der Nadel weben muß.

Tuch, ca 40 x 40 cm, Fundort Arica, Chile; ausgestellt im Museo Chileno de Arte Precolombino

Dieses kleine Tuch hat mir so gefallen, daß ich versuchen möchte, es nachzuweben. Die Muster konnte ich trotz der unscharfen Fotos aus dem Internet einigermaßen rekonstruieren.

Musterprobe

Ein brauchbares Wollgarn in den entsprechenden Farben zu finden war schwierig. Kein dünnes Wollgarn, was hier in Deutschland erhältlich ist, erfüllt die Anforderungen für das Weben mit den hohen Fadendichten eines Kettripses. Es lief wieder auf Nachzwirnen heraus, das Garn ist Kammgarn 20/2 von Garnhuset i Kinna aus Schweden, hier erhältlich bei Swedenform. Zum Glück braucht man nicht viel Garn für so ein Tuch, so daß das Nachzwirnen schnell erledigt war.

beim Schären der Kette zum Nachweben des oben abgebildeten Tuchs
fertige Kette für das gemusterte Tuch
Tuch von der Mitte aus angewebt

Da das hier verwendete dünne Wollgarn für mich neu war, habe ich zunächst einige Proben gewebt, um zu sehen, ob dieses Garn das Weben mit hoher Fadendichte aushält.

Bei der Probe im linken Bild wird der Schußfaden noch gut abgedeckt, das Garn löst sich aber während des Webens zusehends auf. Verringert man die Fadendichte so wie im mittleren Bild, widersteht das Garn länger den Belastungen, der Schußfaden macht sich aber im Musterbereich unangenehm bemerkbar. Das Garn für die Probe im rechten Bild habe ich auf dem Spinnrad moderat nachgezwirnt, es ist noch weit entfernt von den drahtartigen Fäden, die die Andenweberinnen benutzen. Das hat am besten funktioniert, die Fäden haben bis zum Schluß gehalten, es gab keinen Abrieb in den Litzen und die Fächer ließen sich für einen Kettrips aus Wolle ordentlich öffnen. Dieses Garn und Fadendichte habe ich dann für das Tiklla-Tuch verwendet.

Zum Weberforum am 11. Juni 2023 in Oederan möchte ich in einem Workshop für an dieser Technik interessierte Weberinnen und Weber näher erläutern, wie man Tiklla webt. Gezeigt werden das Prinzip des Schären der Kette auf einem Gestell, die Herstellung einer Tiklla-Kette für einen Salusso-Webrahmen („Kleiner Italiener“) und das Entfernen des Trennstabes und Anweben auf der Schnur bei einer bereits angefangenen gemusterten Kette auf dem Gurtwebgerät. Ich würde mich freuen, wenn bei diesem Workshop eine fruchtbare Diskussion entsteht, wie man diese außergewöhnliche Technik auch auf den hier gebräuchlichen Webgeräten anwenden kann.

Bandwebmuster in drei Farben

Vor Jahren hatte ich mich schon einmal an der Baltischen Technik mit zwei Musterfarben versucht und das Ganze wieder weggelegt, da mir das Abbinden der Musterfäden auf der Rückseite nicht richtig gelingen wollte. Diesen Herbst gab es dazu eine Diskussion auf Ravelry, vielen Dank an Brettchenweberin, die meine Neugier auf diese Technik wieder geweckt hat!

Eine Baltische Technik ist das eigentlich gar nicht. Aus dem Baltikum sind mir keine Textilien mit dieser Technik bekannt, im Internet habe ich nichts gefunden, weder Bilder noch Beschreibungen. In Südamerika webt man allerdings breit gemusterte Mantas damit und diese Mustertechnik scheint dort schon einige Jahrzehnte in Gebrauch zu sein. In Peru heißt sie Ley (oder ligui) pallay de tres colores. Die folgenden Bilder zeigen einen Gürtel aus der Sammlung des ILCA (Instituto de la Lengua y Cultura Aymara) in Bolivien.

Die südamerikanischen Weberinnen haben es sogar geschafft, durch geschickte Musterentwürfe ein nahezu doppelseitiges Muster zu erzielen, so wie auf dieser kleinen Manta aus Bolivien:

Gewebt wird diese Technik ähnlich den baltischen oder ostpreußischen Bandwebmustern. Es kommt aber hinzu, daß regelmäßig Bindepunkte gesetzt werden müssen, um die gerade nicht verwendete Musterfarbe am zu langen Flottieren auf der Rückseite zu hindern und auch, um durch das regelmäßige Abbinden der Musterkette eine ungleiche Spannung der Kettfäden zu verhindern.

Diese Bindepunkte sind unter den Flottierungen der Musterfäden verborgen oder werden, wo das nicht geht, durch die Handhabung der Musterfäden beim Weben etwas versteckt.

Für interessierte Weberinnen habe ich eine Beschreibung dieser Technik gemacht, die zwei verschiedene Möglichkeiten, diese Bindepunkte zu setzen, behandelt. Sie kann unter dem Menüpunkt „Südamerikanische Webtechniken“ oder hier heruntergeladen werden.

Naturfarbene Baumwolle, Teil 2

Im ersten Teil über naturfarbene Baumwolle hatte ich die Herstellung des Garns aus roher entkernter Baumwollfaser beschrieben. Jetzt soll es um das Weben mit diesem Garn gehen.

Da ich auf dem backstrap loom vorwiegend kettdominante Textilien webe, muß das Webgarn einiges an Abrieb und Zugbelastung aushalten können. Eine große Menge Drall im Garn ist nur eine Möglichkeit, wie man bei Baumwolle die Festigkeit beeinflussen kann. Wenn man das gezwirnte Garn in basischem Wasser kocht und danach unter Zug trocknet, wird es dabei reißfester und läuft etwas ein . Ich habe Natron (ca. 5 g auf 2 l ) ins Wasser gegeben, um es basisch zu machen, Soda wäre auch möglich. Beim Kochen werden außerdem die Farben der farbigen Baumwolle intensiver, hier der direkte Vergleich:

Das fertige Webgarn hat eine Lauflänge von ca. 800 bis 1000 m je 100g, also Nm8 bis Nm10. In wpi sind das bei diesem Garn 32 bis 36, der niedrigere Wert für dunkelbraun und grün.

Für eine kleine Webprobe habe ich die Kette auf dem Gestell geschärt, das ich eigentlich für Webstücke mit unterbrochenen Kettfäden (Tiklla) verwende. Das Garn kam mir beim Schären so vor, als hätte vor allem das Grüne für ein Kettgarn nicht genügend Drall, deswegen habe ich die Kette gleich auf dem Gestell kräftig von beiden Seiten mit Sprühstärke eingesprüht und trocknen lassen.

Kette (Länge 35 cm) auf einer Art Schärrahmen

Nach dem Aufziehen auf den backstrap loom zeigte sich, daß sich mit der nötigen Vorsicht (die Fäden sind sehr dünn) das Garn ganz gut verweben läßt. Man bleibt mit dem Webschwert oder dem Stäbchen mit dem Schußfaden auch gern einmal hängen, mir ist aber deswegen nur ein Kettfaden gerissen.

Die Kettfäden sitzen etwas auf Abstand, 20 Fäden pro cm, der weiße Schußfaden (Nm 20/2, unmercerisierte kommerzielle Baumwolle) scheint etwas durch. Damit sich dabei das Gewebe nicht in der Breite zusammenzieht, habe ich einen einfachen Breithalter benutzt, ein Stück von einer alten Garnspule aus Pappe und zwei Stecknadeln. Balsaholz ist dafür auch bestens geeignet, das war aber alle.

Breithalter auf der Unterseite

In dem Kettgarn steckt jede Menge Zeit und Arbeit, deswegen habe ich das Webstück mit vier festen Seiten hergestellt, um nichts zu verschwenden. Mit Fachbildung konnte ich bis zu einer Lücke von 3 cm weben, danach mußte ich mit Nadeln weitermachen. Stahlstricknadeln Größe 2mm sind gut geeignet, um die dünnen Fäden aufzunehmen und den Schußfaden mit parallel geführte stumpfer Sticknadel ins Fach einzulegen. Die letzte Reihe ist nur mit einer Nadel gewebt.

fertiges Stück Stoff vor dem Bügeln, 34 x 14 cm

Das Schließen der Lücke beansprucht das Kettgarn mehr als das Weben, das grüne Garn ist in diesem Bereich etwas rauh geworden, aber nicht gerissen. Nach dem feuchten Bügeln des Stoffstücks ist das aber kaum noch zu sehen.

Aus dem entstandenen Stoffstück habe ich eine kleine Tasche genäht, bei der die Anfangsschnüre vom Weben auf dem backstrap loom noch sichtbar sind.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man auf der Rückseite die letzte Reihe vom Zusammenweben.

letzte Reihe mit doppeltem Schußfaden (Stecknadel)

Fazit dieses Versuches ist: man kann mit den naturfarbenen Pakucho-Baumwollflocken ein kettfähiges Webgarn herstellen, was sich für festen Bekleidungsstoff und Handtücher eignet. Gesponnen aus kardierten Rolags bzw. Punis wird das Garn durch die in der Flocke enthaltenen Knötchen und Noppen nicht sehr gleichmäßig, das fällt in einem fertigen, relativ dichten Gewebe aber kaum auf. Ob der Stoff im täglichen Gebrauch anfängt zu fusseln, wird sich zeigen.

Hier noch etwas zu lesen:

All about Spinning Cotton, Interweave Press LLC, 2011; kostenloser Download über interweave.com

Naturfarbene Baumwolle, Teil 1

Bei der Handspinngilde gab es vor einiger Zeit (für Mitglieder) naturfarbene Baumwolle in der Flocke zu kaufen. Die Baumwolle ist aus Peru und wird unter dem Namen „Pakucho“ vermarktet.

Bei der Firma KnitArt ist sie ebenfalls erhältlich.

Die beiden Neuwelt-Baumwollarten Gossypium hirsutum (Upland Cotton) und Gossypium barbadense (Pima Cotton) liefern nicht nur weiße Fasern, sondern auch Fasern in verschiedenen Braun- und Grüntönen.

Während die weißen Fasern eine mittlere (Upland) bis hohe (Pima) Stapellänge haben, sind die Fasern der farbigen Sorten sehr kurz, oft nur 2 cm. Farbige Baumwolle wurde schon in vorspanischer Zeit in Mittel- und Südamerika zur Herstellung von Webgarnen genutzt, ein Beispiel dafür sind die Stabdoppelgewebe aus der Paracas- und Nazca-Wari-Kultur in Peru.

So ein Doppelgewebe aus farbiger Baumwolle wie im Original, das wäre doch mal einen Versuch wert? Mein Charkha langweilte sich schon einige Zeit im Schrank, also ran an die Fasern! Das böse Erwachen kam jedoch ganz schnell… Während die weiße Baumwolle schön sauber war, ohne zerrissene Fasern und Knötchen, wurde es bei den farbigen Sorten von hellbraun über grün nach dunkelbraun immer schlimmer mit Fremdbestandteilen, Lintern und Knötchen. Das war bei einer Baumwolle, die mit der Hand gepflückt wird so nicht zu erwarten gewesen, ich denke, daß diese Baumwolle auf einer Maschine für langstapelige Fasern unsachgemäß entkernt wurde.

Hier einige Bilder von der Aufarbeitung der Fasern bis zu Punis und Kammzügen:

Trotz sorgfältigem Auslesen der Fremdbestandteile ließen sich vor allem bei der Farbe Chocolate die Knötchen nicht entfernen, sie sind so klein, daß sie auch beim Kämmen durch die Nadeln der Kämme schlüpfen, die nur 2 mm Abstand voneinander haben. Das Garn bekommt dadurch ganz schön „Struktur“, um den unschönen Begriff „fusseliger Strick“ zu vermeiden. Es ist mir nicht gelungen, die farbigen Fasern auf dem Charkha so dünn zu spinnen wie die weiße Baumwolle, der Faden reißt dauernd dort, wo ein Knötchen auftaucht.

Pakucho: zweifach gezwirntes Garn

Gezwirnt habe ich die Fäden auch auf dem Charkha, für so kleine Proben geht das gut, wenn man vorher einen zweisträngigen Ball wickelt. Jetzt habe ich die Stränge gewaschen und mit etwas Natron zur Farbvertiefung 10 min gekocht. Das Ergebnis gibt es dann im zweiten Teil, auch, wie sich das Garn verweben läßt.

Gewebt habe ich über Sommer nicht viel, eine Tasche mit integrierter kleiner Tasche, die ich noch zusammenweben muß.

Dazu noch ein Band als Henkel in der Amapola-Technik:

Band mit Blütenmuster in Amapola-Technik

Ein Galgo Español ist bei uns eingezogen und bringt Leben ins Haus, also jagen auf einem Band die Windhunde Hasen.

Zum Schluß noch ein historisches Bild, was meiner Meinung nach den herrschenden Zeitgeist voll auf den Punkt bringt: