Naturfarbene Baumwolle, Teil 1

Bei der Handspinngilde gab es vor einiger Zeit (für Mitglieder) naturfarbene Baumwolle in der Flocke zu kaufen. Die Baumwolle ist aus Peru und wird unter dem Namen „Pakucho“ vermarktet.

Bei der Firma KnitArt ist sie ebenfalls erhältlich.

Die beiden Neuwelt-Baumwollarten Gossypium hirsutum (Upland Cotton) und Gossypium barbadense (Pima Cotton) liefern nicht nur weiße Fasern, sondern auch Fasern in verschiedenen Braun- und Grüntönen.

Während die weißen Fasern eine mittlere (Upland) bis hohe (Pima) Stapellänge haben, sind die Fasern der farbigen Sorten sehr kurz, oft nur 2 cm. Farbige Baumwolle wurde schon in vorspanischer Zeit in Mittel- und Südamerika zur Herstellung von Webgarnen genutzt, ein Beispiel dafür sind die Stabdoppelgewebe aus der Paracas- und Nazca-Wari-Kultur in Peru.

So ein Doppelgewebe aus farbiger Baumwolle wie im Original, das wäre doch mal einen Versuch wert? Mein Charkha langweilte sich schon einige Zeit im Schrank, also ran an die Fasern! Das böse Erwachen kam jedoch ganz schnell… Während die weiße Baumwolle schön sauber war, ohne zerrissene Fasern und Knötchen, wurde es bei den farbigen Sorten von hellbraun über grün nach dunkelbraun immer schlimmer mit Fremdbestandteilen, Lintern und Knötchen. Das war bei einer Baumwolle, die mit der Hand gepflückt wird so nicht zu erwarten gewesen, ich denke, daß diese Baumwolle auf einer Maschine für langstapelige Fasern unsachgemäß entkernt wurde.

Hier einige Bilder von der Aufarbeitung der Fasern bis zu Punis und Kammzügen:

Trotz sorgfältigem Auslesen der Fremdbestandteile ließen sich vor allem bei der Farbe Chocolate die Knötchen nicht entfernen, sie sind so klein, daß sie auch beim Kämmen durch die Nadeln der Kämme schlüpfen, die nur 2 mm Abstand voneinander haben. Das Garn bekommt dadurch ganz schön „Struktur“, um den unschönen Begriff „fusseliger Strick“ zu vermeiden. Es ist mir nicht gelungen, die farbigen Fasern auf dem Charkha so dünn zu spinnen wie die weiße Baumwolle, der Faden reißt dauernd dort, wo ein Knötchen auftaucht.

Pakucho: zweifach gezwirntes Garn

Gezwirnt habe ich die Fäden auch auf dem Charkha, für so kleine Proben geht das gut, wenn man vorher einen zweisträngigen Ball wickelt. Jetzt habe ich die Stränge gewaschen und mit etwas Natron zur Farbvertiefung 10 min gekocht. Das Ergebnis gibt es dann im zweiten Teil, auch, wie sich das Garn verweben läßt.

Gewebt habe ich über Sommer nicht viel, eine Tasche mit integrierter kleiner Tasche, die ich noch zusammenweben muß.

Dazu noch ein Band als Henkel in der Amapola-Technik:

Band mit Blütenmuster in Amapola-Technik

Ein Galgo Español ist bei uns eingezogen und bringt Leben ins Haus, also jagen auf einem Band die Windhunde Hasen.

Zum Schluß noch ein historisches Bild, was meiner Meinung nach den herrschenden Zeitgeist voll auf den Punkt bringt:

Hexenküche

Im März war bei uns ein ziemlicher Sturm, der viele dürre Äste von den Bäumen geholt hat. Auf den Ästen waren zahlreiche Gelbflechten, die sich zum Färben eignen. Diese Flechten sind in den letzten Jahren immer mehr geworden, normalerweise wachsen sie in der Nähe von stark gedüngten Flächen, Jauchegruben o.ä., da sie  Ammoniak aus der Luft aufnehmen und das ihr Wachstum fördert. Die Landwirtschaft alleine scheint es jedoch nicht zu sein, man findet die Gelbflechte auch in großen Mengen an stark befahrenen Straßen, warum, darüber sollte man mal nachdenken. 

Gelbflechte (Xanthoria parietina) Quelle: Wikipedia

Der Pilz in den Gelbflechten produziert den Farbstoff Parietin, um sich damit vor zu viel UV-Licht zu schützen. Je stärker die Flechte der Sonne ausgesetzt ist, umso mehr von diesem  gelblichen Farbstoff ist vorhanden.   Auf Wolle mit  Alaunbeize bei neutralem pH-Wert macht diese Substanz das, was man von einem Anthrachinonfarbstoff erwartet: er färbt ungefähr die Farbe, die er selbst hat, gelb-braun. Langweilig, oder, dafür braucht man keine Flechten mühsam vom Ast kratzen sondern kann  Faulbaumrinde oder den Kiefernporling nehmen!  Mit einer Fermentation in Salmiakgeist und einer anschließenden Kaltfärbung der ungebeizten Wolle in dieser übelriechenden Brühe wird es allerdings magisch: die Gelbflechte färbt pink und blau! Geduld muß man dafür allerdings aufbringen, der Färbeprozeß dauert mindesten 8 Wochen. (1)

Von den abgefallenen Ästen an einer eher schattigen Stelle habe ich eine große Handvoll Flechten abgekratzt und in einem halben Liter Salmiakgeist (9%) bei Raumtemperatur, aber im Dunkeln 6 Wochen lang zur Fermentation angesetzt. Die Flüssigkeit nimmt dabei eine weinrote Farbe an. Nachdem ich die Flüssigkeit von den Flechten abgegossen hatte (draußen, es stinkt heftig nach Ammoniak!), habe ich 10 g nasse Wolle in diese Färbebrühe hineingelegt und im Dunkeln weitere 2 Wochen stehen gelassen. Nach dieser Zeit wurde die Wolle herausgeholt und gründlich ausgespült. Nach dem Spülen war die Wolle in nassem Zustand dunkelrosa. Den größeren Teil davon habe ich im Dunkeln getrocknet, ca. ein Drittel aber naß im Garten ins helle Sonnenlicht gelegt. Die Wolle im Licht fing sofort an, ähnlich wie eine Indigofärbung zu verblauen, sie wurde erst hell, als wollte die Farbe verschwinden, dann blau. Die im Dunkeln getrocknete Wolle blieb rosa.  

Mit Gelbflechte gefärbte Wolle, links im Dunkeln getrocknet, rechts im Hellen

Die Farben auf der Wolle sind ziemlich blaß geworden. Man benötigt offensichtlich eine ganze Menge Flechten, um dunklere Farbtöne zu erzielen. Wenn wieder genug von den Bäumen geworfen wird, was in der darauf folgenden Zeit  dann eh verfaulen würde, werde ich den Versuch mit mehr Material wiederholen. Einfach irgendwo runterholen will ich die Flechten nicht, mal davon abgesehen, daß sie unter Naturschutz stehen, sie brauchen Jahre zum Wachsen und die Waldbewohner wollen vielleicht auch etwas davon. 

Das Wetter war dieses Frühjahr kalt und naß, also macht man seine Experimente eben auch in der Küche. In einem Text über „Lost Crops of the Incas“  (2) war mir eine bittere Lupinenart aufgefallen, die tolerant gegen schlechte Böden und Trockenheit ist, ihr eigenes Pflanzenschutzmittel produziert und die man mit spezieller Behandlung eßbar machen kann. Schlechter steiniger Boden und trocken, das ist genau das, was ich hier rings ums Haus habe. 

Andenlupine (Lupinus mutabilis) Quelle: Wikipedia

Die Andenlupine (Lupinus mutabilis), Quechua: Tarwi, in Ecuador: Chocho,  ist eine alte Kulturpflanze aus dem Hochland von Peru und Bolivien, die in vorspanischer Zeit dort weit verbreitet war. Sie ist durch die zeitraubende Prozedur zum Entfernen der Bitterstoffe lange in Vergessenheit geraten, wurde aber in den letzten Jahren wegen ihren hohen Eiweiß- und Fettgehalts in den Samen als einheimische Alternative zu Soja in einigen südamerikanischen Ländern regelrecht „gehypt“. 

Samen der Andenlupine

Die Samen der Tarwi gab es in Deutschland lange nur in spezialisierten Gärtnereien 10 Stück zu teuren Preisen, nicht jedoch in Mengen um sie essen zu können. Dieses Jahr habe ich sie gefunden, gleich ein halbes Kilo (hier). Erstaunlich im Land der Vollkaskomentalität und des Kindergartenniveaus für Konsumenten, die unbehandelten Samen sind gallebitter und giftig, sie enthalten das Alkaloid Spartein, was einen ordentlichen Herzkasper verursachen kann. Der deutschsprachige Aufkleber auf der Packung führt potentielle Köche in die Irre, da steht: über Nacht einweichen und 20 min kochen. Das wird garantiert nichts, man spuckt es beim Probieren gleich wieder aus. Nach dem Kochen kommt die eigentliche Arbeit: die wasserlöslichen Bitterstoffe müssen erst ausgeschwemmt werden. Solange die Tarwi noch bitter sind (Geschmacksprobe: einen Samen zerkauen und am hinteren Zungenrand probieren), sind sie nicht genießbar. 

Da ich nicht glaubte, daß man hierzulande den Leuten unbehandelte Tarwi als Lebensmittel verkaufen darf, habe ich probiert, ob die Samen noch keimen. Das taten sie in feuchtem Küchenpapier auf dem Heizkörper schnell und zuverlässig, die gekeimten Samen habe ich eingepflanzt und als sie groß genug waren in den Garten gesetzt. 

Tarwi-Jungpflanze

Dann habe ich im Internet recherchiert, wie man Tarwis richtig entbittert. Nach einer Anleitung von einer Hausfrau aus Ecuador geht das so: 

1. Tag: Tarwis wie Linsen oder Bohnen über Nacht einweichen

2. Tag: das Einweichwasser wegschütten, Tarwis mit frischem Wasser 0,75 bis  1 h kochen, sie bleiben fest und zerfallen nicht

das Kochwasser wegschütten (oder abkühlen lassen und damit Pflanzen gegen Blattläuse, weiße Fliegen o.ä.  spritzen)

Tarwis mit reichlich frischem Wasser aufgießen, Wasser im Laufe des Tages mehrfach wechseln

3.-5- Tag: dreimal täglich Tarwis durchspülen, das Einweichwasser wechseln und probieren, ob die Samen noch bitter schmecken s.o.

sind die Bitterstoffe raus, können die Samen gegessen werden

Es hat gut funktioniert, die gekochten und entbitterten Tarwis haben eine feste Konsistenz ähnlich wie das Innere von rohen Zuckererbsen und schmecken ein bißchen wie ungekochte Erbsen oder Saubohnen. Man kann damit einen einfachen Salat machen, Cebiche de Chochos, dazu braucht man noch Limettensaft, scharfe Chili, Tomaten, Zwiebeln, Salz und etwas Öl. 

Cebiche de Chochos Quelle: Wikipedia

Nach meiner Erfahrung sind die Tarwis im Salat bekömmlicher als Linsen oder Bohnen, sie haben nicht die berüchtigten Nachwirkungen… 😉

Es gibt im Internet einige Rezeptbücher (auf Spanisch) für die Verwendung der Tarwi-Samen, man kann damit alles machen, was mit europäischen Süßlupinen oder Kichererbsen auch geht: Hummus, glutenfreier Teig für Kuchen, Kekse  und Pizza, Eis, Salate, Eintöpfe und vieles  mehr. 

Ob die Pflanzen hier Ertrag bringen, werde ich im Herbst sehen, es soll je nach Herkunft des Saatgutes erhebliche Unterschiede geben, wie lange es von der Aussaat bis zur Samenreife braucht. Laut Packung sind meine Tarwis aus Peru, wenn sie aus dem kühlen Andenhochland kommen, könnte es gehen.

 

Photo by Los Muertos Crew on Pexels.com

Gewebt habe ich auch etwas, diesmal ohne Muster, mir war nicht danach. In Bolivien gibt es Taschen (ursprünglich für Kokablätter), in denen eine oder mehrere kleine Taschen gleich mit eingewebt sind. Dazu muß man den Teil der Kette länger machen, wo später die zusätzliche Tasche ist. Das ganze ist im Buch von A. Cahlander ausführlich beschrieben (3). 

Normalerweise werden diese Taschen auf einem Horizontalwebgerät (four-stake ground loom) oder auf einem Anlehnewebstuhl hergestellt, da man für die Verlängerung der Kette, die später die kleine integrierte Tasche bildet, zeitweise einen zweiten oberen Kettbaum braucht. Auf einem backstrap-loom muß man sich was einfallen lassen. Die beiden oberen Kettbäume mit Stricken zusammenzubinden wäre eine Möglichkeit, das verrutscht aber gern und es ist schwierig, auf beiden Seiten den gleichen Abstand der Stäbe voneinander einzustellen. Ich habe mir aus Sperrholz zwei Abstandshalter gebaut, die straff auf die oberen Kettbäume passen. Die Kette habe ich direkt auf die Stäbe geschärt, die auf einem Lattengestell festgebunden waren und gleich auf diesem Gestell den unteren Kettbaum mit der Anfangsschnur angebracht. 

Abstandshalter zwischen den oberen Kettbäumen, Mittelteil schon angewebt

Man webt die ganze Kette ein Stück an (ca. 5 cm) und macht dann mit dem Stück in der Mitte weiter, wo die Tasche entstehen soll. Das wird so lang gewebt, wie der Abstand zwischen den oberen Kettbäumen ist, in meinem Fall 15 cm. 

das Mittelteil wird 15 cm lang separat gewebt

Ist man damit fertig, entfernt man die Abstandshalter und den äußeren der zwei oberen Kettbäume. Dann faltet  man das eben gewebte Teil für die Tasche in der Mitte, zieht es zum unteren Kettbaum und näht es dort mit Heftstichen fest. Der obere Kettbaum hält dann alle Schlaufen der Kette und hat noch keine Anfangsschnur, diese wird jetzt angebracht und die Tasche von der Gegenseite einige cm angewebt. Dann dreht man das Webgerät wieder herum und webt von der Oberkante der gefalteten kleinen Tasche die Kette mit Litzenstab und Rolle komplett ab bis es damit nicht mehr geht.

Zum Ende hin wird die Fachrolle langsam zu groß…
…und durch eine kleinere Rolle ausgetauscht

Es bleiben ungefähr 5 cm Kette übrig, die man mit Nadelweben schließen muß. Dazu entfernt man Litzen und Fachrolle, zieht den Schußfaden doppelt auf eine Nadel und schließt mit viel Geduld die Lücke. In einem Durchgang legt man den immer zwei Schußfäden in das gerade aufgenommene Fach, einen oben und einen unten jeweils an die schon gewebten Teile. Damit das Gewebe in der Lücke nicht zu lose wird, drückt man den Schußfaden gut an. 

Zunächst kann man noch den Einlesestab benutzen
die vorletzte Reihe
und die letzte Reihe, hier liegt der Schußfaden doppelt

Das fertig gewebte Stück hat vier feste Seiten, die Tasche habe ich mit einer einfarbigen rundgezogenen Webkante (ribete) zusammengenäht und die Stellen, an denen sich die Anfangsschnuren befinden, damit eingefaßt. Die Seiten der kleinen Tasche sind mit einem Nadelbindestich (cross-knit loop stitch; koptischer oder Tarim-Stich)   geschlossen. 

Fertige Tasche

Hier noch etwas zum Weiterlesen:

(1)   Färben mit Pflanzen

  Dorit Berger

  Ökobuch-Verlag 2006

(2) Lost Crops of the Incas 

Little-Known Plants of the Andes with Promise for Worldwide Cultivation 

National Academy Press
Washington. D.C. 1989

(3) The Art of Bolivian Highland Weaving

Adele Cahlander & Marjorie Cason

Watson-Guptill Publictions 1976

Doppelgewebe mit Broschiermuster

Doubleweave with supplementary weft brocading

Eine Leserin des Blogs hat mich vor einigen Wochen auf eine interessante Sache hingewiesen. Es gibt Navajo-Teppiche, die auf beiden Seiten scheinbar ein anderes Muster haben. Die Gewebe sind als Schußrips hergestellt, die Kette ist so gut wie nicht sichtbar. Hier ist ein Beispiel:

Bildquelle: —charleysnavajorugs.com—

Bei genauerem Hinsehen ist das Muster auf der Rückseite aber nicht so verschieden von dem auf der Vorderseite, die Hell-Dunkel-Muster sind offensichtlich mit komplementären Schußfäden gewebt und nur farblich entgegengesetzt. Die roten Kästchen sind nur auf der Oberseite, das kann man mit einem zusätzlichen Broschierschuß über dem grauen Hintergrund erzeugen.

Da kam mir der Gedanke, ob schon mal jemand versucht hat, auf beiden Seiten eines Gewebes ein unterschiedliches Broschiermuster zu weben, bei dem man ziemlich frei in der Gestaltung ist, sowohl in der Wahl der Farben als auch in den Flächen des Musters. Finden konnte ich darüber nichts, also ausprobieren. Ein Doppelgewebe schien mir am besten dafür geeignet, da man zwei unabhängige Lagen hat, die man gestalten kann, wie man will.

Das Garn, was ich zu Verfügung hatte, ist nicht besonders gut geeignet, aber für die ersten Versuche mußte es reichen, hat bißchen was von „Jugend forscht“. Es ist nicht einfach, auf dem backstrap loom ohne Webblatt eine offene Struktur mit Abstand zwischen den Kettfäden zu weben, deshalb sehen die Beispiele etwas liederlich aus.

Die Versuche brachten das Ergebnis: man kann mit Doppelgewebe und komplementären Schußfäden auf jeder Seite ein anderes Muster erzeugen, unabhängig davon, was auf der jeweils anderen Seite ist. Wenn man es auf die Spitze treiben will, sieht das aus wie ein zweifarbiges Taqueté, nur mit verschiedenen Mustern und unterschiedlichen Farben je Seite. Mit der Struktur eines „richtigen“ Taqueté-Gewebes hat das aber nichts zu tun, die Schußfäden verlaufen anders in der Kette. Die Sache ist jedoch nichts für Ungeduldige und dafür würde ich dann auch beim backstrap loom ein Webblatt verwenden und vorher ein paar Versuche machen, welches Schußgarn die Kette wirklich gut abdeckt.

Wer es selbst versuchen möchte, hier gibt es eine Anleitung:

Im vorigen Post hatte ich ein Band gezeigt, an das gerollte Kanten direkt angewebt wurden. Dieses Band ist nun fast fertig, die befürchteten Schwierigkeiten mit unterschiedlichen Spannungen der Kettfäden am Rand und im Gewebe haben sich nicht eingestellt.

Normalerweise wird bei diesen Gürtelbändern bis etwa 20 cm vor das Ende der Kette gewebt und der Rest der Fäden dann geflochten. Hier habe ich was anderes probiert: das Band von der anderen Seite des Webgeräts angefangen und den Rest der Kette umwickelt. Hätte ich die Mitte flechten wollen – und solche Bänder gibt es aus Südamerika – , wäre ich um ein erneutes Einziehen des Litzenstabes nicht herumgekommen, dazu war ich aber zu faul.

Die Umwicklungen ergeben ein Schachbrettmuster, man kann so mit einem hell-dunkel-Kontrast auch andere Muster herstellen. Eine weitere Möglichkeit wäre, auf diesen Kettfäden ein Muster mit Zwirnbindung zu erzeugen.

Gerollte Kanten direkt anweben

In einer Veröffentlichung (1) über Textilfunde aus der Nordischen Eisenzeit in Dänemark habe ich die Beschreibung eines Kleides gefunden, das in seiner Machart einem Aksu aus Südamerika ähnelt. Es handelt sich um ein Schlauchkleid (wie ein griechischer Peplos, nur ohne Überschlag oben), welches an den Schultern durch Nadeln oder kleine Nähte zusammengehalten und mit einem Gürtel getragen wird.

Replik des Kleides von Hammerum, Dänemark
Aymara-Weberin mit Aksu; Isluga, Chile; Foto: P. Dransart

Das Kleid aus Dänemark hat angenähte Abschlüsse aus gewebten Bändern, deren blaue Kante auf einer Seite eingerollt ist. Das hat nicht nur eine zierende Funktion sondern sorgt auch dafür, daß sich beanspruchte Bereiche des Gewebes nicht so schnell auflösen, z.B. am Saum oder an den Ärmelenden.

Kettripsband aus Hammerum mit 20 Fäden

Neben diesem Band mit eingerollter Kante hat man aus der Nordischen Eisenzeit auch Reste von größeren Textilien mit schlauchförmiger Kante gefunden. Das hat bei den damals verbreiteten Köpergeweben den Vorteil, daß die sonst etwas „flattrige“ Kante stabilisiert und gefestigt wird. Heute webt man bei Köpern auf dem Trittwebstuhl oft eine ebene Kante in Leinenbindung, braucht dazu aber mindestens 4 Schäfte. Diese Methode war in Skandinavien schon in der vorrömischen Eisenzeit bekannt, das läßt sich auch auf einem der damals verwendeten Gewichts- oder Rundwebstühle machen. Es gibt in Dänemark einen Fund eines Schals (Huldremose), bei dem die leinenbindige Kante an einem Köpergewebe dazu noch gerollt wurde (2).

Die einfarbigen Kanten eines Bandes beim Weben einzurollen ist nicht schwierig. In dem Bereich, der schlauchförmig werden soll, muß der Schußfaden immer von derselben Seite eingelegt werden. Also habe ich es ausprobiert, dazu hat das Band zwei blaue Seiten bekommen, da ich es später als Armband verwenden möchte. In den zwei Bildern unten sieht man einen Übergang von der rundgewebten Kante zu flachen Rändern, hier sollen später die Verschußklammern des Armbandes hin.

Hier die Vorlage für den Einzug des Bandes:

Band mit 30 Fäden ähnlich dem Hammerum-Band

In welche Richtung man das Band beim Weben rollt, hängt ein bißchen davon ab, welche Seite man später als Sichtseite haben möchte, da sich der Schußfaden meist nicht vollständig verbergen läßt. Wenn man das trotzdem versucht, zieht man oft zu fest am Schußfaden, die Kante wird zwar schön rund und der Faden ist weg, das Band wird aber auch immer schmaler 😉 .

Bänder mit nach oben oder nach unten gerolltem Rand

Also fängt man einfach mal an zu weben und zieht den linken Rand des Bandes nach oben rund:

Der Schußfaden ist links, also das Litzenfach öffnen

Randfäden separieren und Schußfaden von innen nach außen einlegen

Schußfaden oben über die Randfäden führen und in das Fach rechts davon einlegen; der Rand rollt sich so nach oben ein

Schußfaden leicht anziehen, Fach wechseln und noch einmal nachziehen

Schußfaden in das nun geöffnete Fach einfach einlegen; weiter wie oben

Das Ganze geht auch, wenn über den Rand ein Muster läuft, z.B. ein kleines Kettenmuster, was sehr einfach ist, wenn man für ein pebble-weave-Muster in der Mitte des Bandes sowieso schon zwei Musterlitzen hat. Da braucht man nichts extra einlesen.

Bei diesem Band sieht man aber auch, was passiert, wenn man zu fest am Schußfaden zieht. Das Muster in der Mitte sieht sehr gestreckt aus, die verwendete nachgezwirnte Acrylwolle ist störrisch und macht es nicht besser.

Irgendwo habe ich schon gelesen, daß es die einfarbigen, direkt angewebten schlauchförmigen Gewebekanten auch bei traditionellen Textilien aus Südamerika gibt, allerdings nur an wenigen Orten. Wo genau das ist, muß ich noch herausbekommen.

Normalerweise werden zur Verstärkung und Verzierung von Gewebekanten bei traditionellen südamerikanischen Kettripsgeweben Bänder nach dem Weben um die Kante angenäht oder rund gezogene Bänder nachträglich mit einer extra Kette angewebt. Solche gerundeten Kanten sind, neben einfarbigen Ausführungen, gemustert, z.B. mit Ñawi Awapa oder Chichilla.

Ñawi Awapa faßt die Kanten ein und hält die Tasche zusammen
Tasche mit nachträglich angewebter Kante, das Muster heißt „chinka-chinka“

Sollte es funktionieren, z.B. Chichilla direkt anzuweben und warum macht man das dann nicht dort, wo es herkommt? Das wollte ich wissen!

Einer der Gründe, warum man die Kante in Südamerika nicht gleich mitwebt, ist, daß sie bei Tragetüchern und Ponchos einmal um das ganze Stück herumgeht, möglichst ohne Unterbrechung. Die Gewebekante des Tuchs wird dabei im Band eingeschlossen. Taschen kann man mit einer solchen Randverzierung an der Seite zusammennähen, das geht auch nicht gleich beim Weben.

Aber bei einem Gürtel könnte es gehen. Also habe ich eine Kette gemacht, der Bequemlichkeit halber mit Chichilla-Rändern, da dieses Muster mit Litzen gewebt wird.

Das Band hat zwei rundgewebte Randbereiche mit Chichilla-Muster, Mittelteil ca. 9 cm breit

Der Anfang war nicht einfach! Ich habe mit einem Schußfaden angefangen zu weben und natürlich erst einmal zu stark gezogen. Das sah nicht schön aus und so kam ich auf den Gedanken, die Kanten mit einem zweiten Schußfaden unabhängig von der Mitte des Bandes zu weben. Wenn man die Kanten mit diesem Faden gefühlvoll etwas schärfer anzieht, damit sie sich runden, beeinflußt man damit nicht so sehr das Band in der Mitte. Man braucht aber einige Zeit, ehe man das richtige Maß raus hat.

Bis jetzt gibt es noch keine Probleme mit unterschiedlicher Spannung der Kettfäden an den Rändern und in der Mitte. Ich denke, zum Ende des Bandes hin kann das noch auftreten, dort erwarte ich, das die Randfäden weniger Spannung haben als der Rest, da durch sie nur ein Schußfaden verläuft. Aber das läßt sich lösen.

(1) Ulla Mannering & Lise Ræder Knudsen: Hammerum: The Find of the Century, NESAT XI, Verlag Marie Leidorf GmbH 2013

(2) Margarete Hald: Ancient Danish Textiles from Bogs and Burials, National Museum of Denmark, Aarhus University Press 1980

Der Fisch im Band – und mehr in drei Farben

Die Kette mit dem Fisch lag schon eine ganze Zeit im Schrank herum. Das Ziel, dieses Motiv in drei Farben sowohl in der einseitigen als auch in der doppelseitigen Technik zu weben war erreicht, also weg damit um etwas neues zu lernen und anzufangen! Das geht mir öfter so und später ärgere ich mich über die vielen angefangenen Projekte, die irgendwann bis nie fertig werden, spätestens dann, wenn ich merke, daß nun wirklich alle Stäbe zum Weben belegt sind.

Der Fisch ist mir wieder in die Hände gekommen, als Laverne in ihrem Blog angekündigt hat, auch wieder einmal etwas in der dreifarbigen Technik zu weben. Dazu kam, daß ich neben der Beschreibung und einem Bild des Motivs in einem Artikel der Publikation „Experimentelle Archäologie in Europa – Bilanz 2011“ (1) das Inventarbuch der Sammlung der Uni Erlangen im Internet gefunden habe, in dem das Textilfragment mit dem Fischmotiv katalogisiert ist. Die Angaben dort sind dürftig, das Stück wurde aus einer Privatsammlung übernommen.

Ausschnitt Inventarbuch Sammlung Erlangen

Ausschnitt aus dem Inventarbuch der Sammlung Erlangen

Im Original ist das Motiv mit naturfarbener Baumwolle gewebt und hat 48 Musterfäden. Damit sitzt es unsymmetrisch im Musterbereich und ist an den Rändern etwas verkürzt, für mein Band habe ich es mit 56 Musterfäden symmetrisch gemacht.

Fischmotiv AE 654 Sammlung Erlangen

Bildquelle: (1)

Auf dem Bild oben kann man gut erkennen, um welche Mustertechnik es sich handelt, da auch die Rückseite des Gewebes fotografiert ist. Es ist die einseitige dreifarbige Technik, die verhältnismäßig einfach zu lernen ist, wenn man die Komplementärtechnik mit zwei Farben weben kann. Die ersten beiden Fischmotive in meinem Band sind in dieser Technik gewebt. Wie man das macht, steht im Buch (2) von Cason/Cahlander auf Seite 104.

Eine der komplexesten Webtechniken im vorspanischen Peru“ wie die Experimentalarchäologen aus Erlangen diese Art Muster zu weben genannt haben, ist es jedoch mit Sicherheit nicht, sondern die einfachste der Reselektionstechniken, bei der kein Unterfach gebildet werden muß.Komplexe Doppelgewebe mit mehr als vier Farben gab es in Südamerika schon weit vor den Inkas, einige Beispiele finden sich in (3).

Fisch dreifarbig Vorderseite

Vorderseite

Fisch dreifarbig Rückseite

Rückseite

Die doppelseitige Ausführung dieses Musters in drei Farben erfordert einen erheblichen Mehraufwand an Arbeitszeit und ist gegenüber einem echten Doppelgewebe mit vier Farben und eindeutig festgelegten Komplementärpaaren auf beiden Seiten in der Ausführung ziemlich knifflig, vor allem die richtige Farbe der „outline“ des Musters auf der Rückseite. Auch dazu steht die Beschreibung in (2), Seite 108. Die beiden Motive in der Mitte des Bandes sind doppelseitig, hierzu ist ein zweiter Schußfaden nötig.

Einfacher zu weben als die Pebble-weave-Muster mit Outline sind meiner Meinung nach doppelseitige dreifarbige Muster in „2/1 uneven twill with complementary warps“, also einem Kettripsmuster, das einen Hell-Dunkel-Kontrast der komplementären Musterfäden ähnlich eines Köpers 2/1 hat. Diese Muster findet man in Bolivien, ein prächtiges Exemplar aus Tinkipaya zeigt folgendes Bild:

Tinkipaya aksu

Bildquelle: Chungará (Arica) vol.51 no.2 Arica jun. 2019

Jeder der Farbstreifen im Bild oben hat um die zwanzig Musterfäden, insgesamt also für das Hauptmotiv ca. 300! Das wollte ich mir zu Anfang natürlich nicht antun, also habe ich erst einmal nur einen kleinen Ausschnitt mit 20 Musterfäden angefangen. Das zweifarbige Grundmuster ist aus dem Buch „More Adventures with warp-faced pick-up patterns“ von Laverne Waddington, die Anleitung, wie man das dreifarbig webt, steht wiederum in (2), Seite 110ff.

Rhomben dreifarbig Vorderseite

Vorderseite

Rhomben dreifarbig Rückseite

Rückseite

Durch die diagonalen Farbverläufe muß man bei der Aufnahme der Fäden für das Gegenfach nicht ganz so aufpassen wie bei dreifarbigem Pebble-weave mit Outline. Es werden aus den zwei „working colors“ (hier blau und rot) entlang der diagonalen Motivgrenzen Farben nur flächenhaft für die jeweiligen Motive auf Ober- und Unterseite des Gewebes ausgewählt.

Mit dem ständigen Gedanken im Hintergrund, was auf der Rückseite des Gewebes zu sehen sein wird, verläßt man die in Europa übliche zweidimensionale Sicht auf ein Textil bzw. nur dessen „schöne“ Seite und kommt der Sichtweise der indigenen Weber in den Anden näher, die ein textiles Objekt als dreidimensional ansehen. Nicht nur Vorder- und Rückseite werden betrachtet, sondern auch die Stärke und Dichte des Gewebes und dessen Ränder, was einen Rückschluss auf die verwendete Technik zuläßt. In Südamerika, speziell in Bolivien, diskutiert man dieses Thema unter Museumsfachleuten gerade. (5)

Wer käme hier auf den Gedanken, z.B. einen Wandteppich in einem Museum so auszustellen, daß man alle Seiten betrachten kann? Aus konservatorischen Gründen ist das sicher nicht für alle textilen Objekte möglich, interessant wäre es auf jeden Fall, gerade für Stücke, bei denen die Ansicht der Rückseite wichtig ist, um die entsprechende Webtechnik zuordnen zu können und um zu sehen, wie sorgfältig der Weber gearbeitet hat – oder auch nicht. Viele Textilmuseen im englischsprachigen Bereich haben umfangreiche Fotoserien ihrer Depotbestände ins Internet gestellt, die Rückseite der Gewebe sieht man dort jedoch nur sehr selten. Eine Ausnahme macht das Britische Museum in London mit interessanten Stücken wie dem dreifarbigen Pelikanmotiv im interlocking-style aus der Zeit der Chancay-Kultur in Peru, hier sind beide Seiten fotografiert und man kann sehen, daß das Motiv in der einseitigen Technik, wie der Fisch aus der Sammlung in Erlangen, gewebt ist.

Das Motiv hat 120 Musterfäden und mir juckt es gewaltig in den Fingern, das einmal nachzuweben. Der Webbrief ist fertig, das Garn dazu habe ich auch schon mit natürlichen Farbstoffen gefärbt und eine Probe mit einem kleinen Pelikanmotiv gewebt. Zur Zeit spinne ich die Wolle für die braune Grundfarbe, davon habe ich leider nur 50g, mal sehen, ob das für ein kleines quadratisches Tuch reicht.

Webbrief Chancay gross

Pelikane im interlocking-style dreifarbiges Motiv

Garn Naturfarben

Mit Naturfarbstoffen gefärbtes Wollgarn Nm5

Pelikane dreifarbig Vorderseite quer

dreifarbiges Band mit 16 Musterfäden

Das Band mit den Pelikanen, so schmal wie es ist, hat mir sehr viel Spaß gemacht. Das schwarz-weiße Grundmuster vom Webbrief so abzulesen, daß für das Motiv die Farben getauscht werden, es gedreht und gespiegelt wird, beschäftigt den Grips, das ist viel schöner, als auf dem Webstuhl mit egal wie viel Schäften einfach nur mechanisch geradeaus zu weben. 🙂

Zum Schluß noch die Quellenangaben zum Weiterlesen und ein Link zur Sammlung des Britischen Museums:

(1) Experimentelle Archäologie in Europa Bilanz 2011; Isensee Verlag Oldenburg; 2011; Artikel: Claudia Merthen „Wie kommt der Fisch ins Band? Zur Rekonstruktion eines Gewebes aus Alt-Peru“ S.219 ff

https://www.pfahlbauten.de/forschungsinstitut/documents/FrankBoth-ExperimentalleArchaologieinEuropeHeft10-klein.pdf

(2) The Art of Bolivian Highland Weaving; Marjorie Cason und Adele Cahlander; Watson-Guptill Publications; 1976

(3) Double-woven treasures from Old Peru; Adele Cahlander und Suzanne Baizerman; Dos Tejedoras St. Paul Minnesota; 1985

(4) Sammlung des Britischen Museums London; Objekt Am1948, 6.08

https://www.britishmuseum.org/collection/object/E_Am1948-06-8 

(5) Artikel in La Tinta, Cordóba, Argentinien

https://latinta.com.ar/2019/09/saberes-tejedoras/

Die Muster der Acllas

Acllas (Quechua: aklla, Mz. akllakuna : die Erwählte/-n) waren zur Zeit der Inkaherrschaft vorwiegend aus den Kindern der Oberschicht ausgewählte  Jungfrauen, die für den Dienst des Sonnengottes oder des Inkas ausgebildet wurden. (1)

1995 fand man am Berg Ampato in Peru in der Nähe des Gipfels die vollständig erhaltene Mumie eines Kindes mit all ihrer Bekleidung und zahlreichen Grabbeigaben. Das Mädchen war im 15. Jahrhundert im Rahmen eines „capacocha“ genannten Rituals den Göttern geopfert worden. (2)

Der bei der Mumie gefundene Mantel  hat ein charakteristisches Muster aus im Zickzack verlaufenden zweiköpfigen Schlangen mit dazwischen liegenden sechseckigen „seeds“, was auch bei anderen Funden dieser Art, auf dem Bild unten (aus (3)) z.B. aus dem Norden von Chile, vorkommt.

 

Wissenschaftliche Untersuchungen an ähnlichen Textilien in Museen, die nicht immer von Opferstätten stammen, haben ergeben, daß diese Muster ein fester Bestandteil der zeremoniellen Kleidung der Acllas sind und wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Zyklen von Aussaat und Ernte stehen. Die Farbgebungen der Musterstreifen sind überall gleich, rot-gelb und rot-schwarz als Komplementärpaare, und hatten wohl ebenfalls eine Bedeutung. (4)

Die Muster wurden von den Inkas sowohl als doppelseitiger Schußrips (tapestry weave, tapíz – cara de trama) als auch in einer Komplementärtechnik (modified intermesh) gewebt. Damit verziert wurde nicht nur der Mantel der Acllas sondern manchmal auch das darunter getragene Wickelkleid (acsu). (7)

Aclla-Muster zwei Techniken (Col. Andes)

Die Muster, gewebt in zwei Techniken: oben als Bildwirkerei (Schußrips), unten in Komplementärtechnik; Bildquelle: (7)

Das „Center for Traditional Textiles Cusco“ – CTTC – (Centro de Textiles Tradicionales del Cusco – By Weavers, For Weavers) hat  2006 in Zusammenarbeit mit regionalen Webern begonnen, Rekonstruktionen der am Ampato gefundenen Textilien anzufertigen. (5)

Muster CTTC

nachgewebtes Muster aus dem Fund am Ampato Bildquelle: (5)

 

Eines dieser Stücke wird derzeit für nordamerikanische Käufer in einer Auktion angeboten, um die vom diesjährigen Zusammenbruch des Tourismusgeschäftes in der Region Cusco stark betroffenen Weber zu unterstützen. (Replica of the Ceremonial Ice Maiden Shawl | 32auctions)

Es ist laut Aussagen der Weber vom CTTC nicht einfach, diese Muster von einem vorhandenen Textil abzunehmen und nachzuweben.

Das habe ich gemerkt, vor allem, da es keine wirklich hoch auflösenden Fotos der archäologischen Fundstücke oder Rekonstruktionen gibt, bei denen man die Fäden richtig zählen kann. Aber irgendwann nach zwei Jahren ist bei mir der Knoten gerissen, diese Muster haben ein Konstruktionsprinzip und eine ungewöhnliche Zählweise, auf die man nicht gleich kommt. Da meine Kette zum Experimentieren für einen anderen Musterentwurf gedacht war, habe ich nicht alles, nur etwa zwei Drittel der Breite, darauf bekommen. Die original vorhandene Unterteilung in Farbstreifen ist auch weggelassen.

 

nachgewebtes Aclla-Muster

Musterstreifen mit 97 Fadenpaaren rot/gelb;  Material:  Baumwollgarn Nr. 10

Das erste Muster ist verkürzt, weil ich sehen wollte, ob mein Entwurf überhaupt funktioniert. Bei den Rändern hatte ich es wohl ein paar mal zu eilig 🤭.

Die Vorlagen für die vollständigen Muster findet man hier. Sie sind keine fadengenaue Abbildung der archäologischen Funde, sondern lediglich eine Möglichkeit, diese Muster in zweifarbiger Komplementärtechnik zu weben. Die Muster haben manchmal Fadenflottierungen über 5 Reihen, das ist zwar nicht so schön, läßt sich bei modified intermesh nicht immer vermeiden und tritt auch bei den Rekonstruktionen des CTTC auf. Es gibt zwar eine Möglichkeit, notwendige Bindepunkte an unpassenden Stellen fast unsichtbar zu machen, indem man die Farben eines Komplementärpaares  verdreht tauscht (in (6) auf Seite 61, Bild 7, in anderem Zusammenhang beschrieben), das habe ich aber bei dieser Technik noch nicht probiert.

Hier die Quellenangaben und etwas zum weiterlesen:

(1) Wikipedia (engl.): Aclla – Wikipedia

(2) Wikipedia: Juanita (Mumie) – Wikipedia

(3) Qhapaq Hucha Cerro Esmeralda; Museo Regional de Iquique; Dezember 2012, Autor u.a.: Pablo Mendez-Quiros; abgerufen von researchgate.net

(4) El manto o acso de la reina mujer de Atahualpa. ¿Una prenda de la última reina del Peru?; Olga Isabel Acosta Luna und María Catalina Plazas García; Museo Nacional de Colombia; 2011

(5) Textile Traditions of Chinchero. A Living Heritage; Nilda Callañaupa Alvarez; Thrums Books; 2012

(6) The Art of Bolivian Highland Weaving; Marjorie Cason und Adele Cahlander; Watson-Guptill Publications; 1976

(7) The Colonial Andes: Tapestry and Silverworks 1530 – 1830; Elena Phipps, Johanna Hecht, Cristina Esters Martín; The Metropolitan Museum of Art; 2004

 

Ketzerische Gedanken

Einiges hat sich geändert und ist nicht so gelaufen wie geplant. Die Vorbereitungen für den Museumstag im Mai und das Weberforum Mitte Juni waren für die Katz, da die Politik entschieden hat, daß Menschen sich nicht oder nur eingeschränkt treffen dürfen.

Zum Weberforum wollte ich das Weben mit unterbrochenen Kettfäden (tiklla) zeigen, so ist es nur bei einem Probestück mit dem neuen Baumwollgarn Nm10 geblieben.

Tiklla BW Probe

 

Der Kurs zum Brettchenweben in Oederan, an dem ich Ende März teilnehmen wollte, ist wegen zu wenig Interessenten ausgefallen, also habe ich selbst etwas herumprobiert.

Brettchenbänder

 

Vielleicht wird es nächstes Jahr besser, Ende Januar möchte ich im Museum Oederan einen Kurs zur Broschiertechnik auf Kettripsbändern halten. Diese Mustertechnik ist sehr einfach, man kann zum Anfang viele der zahllosen im Internet kursierenden Kreuzstichvorlagen verwenden. Das grüne Band im Bild unten ist kein reiner Kettrips, da sich das Blumenmuster sonst zu sehr in die Länge gezogen hätte.

 

Den Kurs werde ich allerdings nur halten, wenn die aktuellen Repressalien bis dahin abgeschafft sind und ich mit unverhülltem Gesicht vor die Teilnehmer treten kann.

Die derzeitige Politik und das Verhalten vieler Mitmenschen kommen mir vor, als hätte man aus dem Hexenwahn der Frühen Neuzeit nicht wirklich was gelernt. Damals wurden, bedingt durch krisenhafte Situationen, aus überschießender Angst und Panik  heraus mit Hilfe der weltlichen Macht und gestützt auf den Stand der damaligen Wissenschaft physische Existenzen von Menschen vernichtet, heute sind es  “nur” materielle. Als man den Irrtum in späterer Zeit erkannte, war bereits ein nicht wiedergutzumachender Schaden angerichtet. Allerdings hatten auch einige Personen die Umstände genutzt, um ihre Schäfchen ins Trockne zu bringen. Meiner Meinung nach lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken…

Hexen 1451

Alpakawolle

Jetzt webe ich schon einige Zeit in der baltischen Technik und es fängt an, mir richtig gut zu gefallen. Das liegt auch daran, daß es schneller geht als die Muster in Komplementärtechniken, die ich sonst webe. Muß wohl ein bißchen die Faulheit sein… 😏

Im letzten Jahr habe ich einiges an naturfarbener Alpakawolle gesponnen, schon mit dem Gedanken im Hintergrund, daraus etwas zu weben. Deshalb ist das Garn sehr fest gesponnen und im Vergleich zu einem Strickgarn stark gezwirnt, das Kettrips-Weben auf dem backstrap loom beansprucht die Fäden sehr.

Webgarn Alpaka

Die Lauflänge liegt irgendwo zwischen 500 und 600 m /100g gezwirntes Garn, genau nachgemessen habe ich es nicht. Durch die starke Zwirnung ist das Garn sehr elastisch und gleicht kleine Fehler in der Kettfadenspannung gut aus.

Auf dem Webgerät sieht es dann so aus:

Schal beim Weben

Das Muster in der Mitte hat 63 Musterfäden, die vom Rand nach der Mitte einen Farbverlauf von schwarzbraun nach grau haben. Als ich so etwas das erste Mal auf einem Gewebe aus Peru gesehen habe, dachte ich, daß das eine Hilfe ist, um im Muster die Übersicht zu behalten. Beim Weben habe ich jedoch gemerkt, daß diese Farbwechsel rein ästhetische Gründe haben, im Muster orientiert man sich an den Verläufen der Diagonalen, nicht an den Farben.

Die Randmuster sind in einer anderen Technik, modifizierter Intermesh, gewebt. Dafür benutzt man normalerweise ein temporäres Fadenkreuz auf zwei Webschwertern. Da man das aber für das Hauptmuster nicht braucht, habe ich es ohne versucht, die Weber in Peru können es schließlich auch. Ganz schön schwierig! Es gab am Anfang einiges an Fehlern bis ich gelernt hatte, die zusammengehörigen Fadenpaare an der Weblinie zu erkennen.

Das Weben mit einem Einlesestab („pallana“ auf Quechua) nach einem Vorbild aus Peru  war am Anfang auch sehr gewöhnungsbedürftig. Mit diesem Stab kann man Muster über die gesamte Breite des Gewebes einlesen, ohne die Musterbereiche abschnittsweise auf ein Stäbchen nehmen zu müssen und danach auf ein schmales Webschwert abzulegen, welches meist im Weg hängt.

Pallana

Der Stab mit einer gebogenen Spitze wird in das gerade geöffnete Fach eingelegt und mit der rechten Hand von rechts neben dem Gewebe geführt. In den Musterbereichen hilft die linke Hand, die Musterfäden zu separieren und auf die Spitze des Stabes zu heben. Durch die Form der Spitze fällt nichts herunter, wenn man mit ihr Fäden aus der unteren Lage des Gewebes aufliest. Der Pallana ist mindestens 20 cm länger als das Webstück breit ist. Wenn man mit Einlesen am linken Rand des Gewebes angekommen ist, kann man den Schußfaden sofort parallel zum Stab einlegen, diesen herausziehen, das Fach wechseln und anschlagen. Das erspart einiges „Gebastel“ mit den Webschwertern.

Zum Einlesen von Komplementärmustern ist der Stab meiner Meinung nach nur bedingt geeignet, da hier die Musterfäden viel dichter nebeneinander liegen. In den schmalen Intermesh-Mustern am Rand des Schals geht es, für breitere Muster dieser Art würde ich ihn jedoch nicht empfehlen. Das kann natürlich auch an mangelnder Übung liegen…

Das Muster heißt Tawa T’ika, vier Blüten, und stammt aus der Gegend um das Sacred Valley nördlich von Cusco.

Tawa T'ika

Vier Musterfarben – Schritt für Schritt

Wie im vorigen Post schon angekündigt, habe ich die einzelnen Schritte zum Weben der vierfarbigen Muster fotografiert und mit einer Kurzbeschreibung versehen.

Welche Schritte nötig sind, um die Kette aufzuteilen und den einzelnen Schäften / Litzenstäben zuzuordnen, steht hier: vier Musterfarben Einzug und Kette aufteilen

Die ganze „Bildergeschichte“, für deren Verständnis und zum Nachmachen gute Kenntnisse im warp-faced double weave notwendig sind:

Baltische Technik vierfarbig PDF

Für ein Video ist es zur Zeit drin zu dunkel, das muß ich später einmal draußen aufnehmen, wenn das Wetter es zulässt.

 

Baltische Technik mit vier Musterfarben

Das hat mir einige schlaflose Nächte bereitet. Nachdem ich herausbekommen hatte, wie man in der baltischen Technik (baltic pickup, ley pallay) das Muster auf beide Seiten bekommt (Doppelseitige Baltische Technik in drei Farben), wollte ich wissen, ob da noch mehr geht. Dazu mußte ich mir wieder ins Gedächtnis rufen, wie bei einer Reselektionstechnik mit mehr als drei Farben das Unterfach im Doppelgewebe durch Aufnehmen der nicht benötigten Musterfäden im Gegenfach gebildet wird. Das ist etwas Mathematik, Boolesche Algebra, schön, daß man mal anwenden kann, wobei man sich früher gelangweilt hat.

Muster Vorder- und Rückseite

Das Bild oben zeigt Vorder- und Rückseite eines Knotenmusters mit 27 Musterfäden in dieser Technik. Am Anfang verdrehten sich auf der Unterseite immer die Musterfäden miteinander, weswegen ich diese Fäden hinter den Schäften der Reihe nach auf eine coil rod gewickelt habe. Angenehmer Nebeneffekt davon ist, sollte es einmal Schwierigkeiten mit zu wenig Spannung der Musterfäden geben, kann man diese über die coil rod einfach etwas fester ziehen. Beim Einlesen des Gegenfachs muß man trotzdem aufpassen, daß man die Fäden immer in der gleichen Abfolge aufnimmt oder herunterdrückt, um Verdrehungen zu vermeiden.

Das Weben dieser Muster braucht Zeit und viel Geduld. Zuerst öffnet man das Fach mit den Grundmusterfäden (background), das gerade dran ist. Dann bringt man Farbe für Farbe an ihren Platz, indem man den Litzenstab mit den Fäden einer Farbe hebt und zu den Grundmusterfäden die Farbfäden an die dem Muster entsprechenden Stellen addiert. Das macht man mit allen Farben, die Stellen ohne Musterfaden bleiben frei, hier ist später der Schuß zu sehen. Damit hat man erst einmal das Oberfach und kann den Schußfaden einlegen. Das Einlesen des Gegenfachs, um die Unterseite weben zu können, erfolgt ähnlich wie bei der baltischen Technik mit zwei Musterfarben, nur daß man hier vorher für sich festlegen muß, welche Farbe komplementär zur obenliegenden sein soll, da man dafür die drei anderen Farben zur Auswahl hat. Diese Farbe erscheint dann im Muster auf der Rückseite. Die nicht benötigten Farben flottieren im Inneren des Gewebes. Bei meinem Beispiel sind die Komplementärpaare gelb-grün sowie rot-blau, insgesamt 12 Kombinationen sind für einen Punkt im Muster möglich.

Im folgenden Bild ist die gesamte Kette zu sehen.

gesamte Kette vorn -Anmerkungen

In nächster Zeit werde ich noch eine Bilderserie machen, die die einzelnen Schritte der Musterbildung erläutert, vielleicht auch ein Video dazu, falls mir das gelingt.

30.12.19

Als kleiner Nachtrag noch ein Bild dazu, wie die Kette aufgebaut ist:

In dieser Anleitung (hier) ist am Beispiel einer Kette mit 5 Musterfäden erläutert, wie man die Schäfte aufteilt und die Farbfäden auf der coil rod anordnet.